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SITZUNGSBERICHTE

DEK KAISERLICHEN

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.

PIIIL080PHISCII-HI8T0RISCHE CLASSE.

SECHSUNDSIEBZIGSTER BAND.

WIKN, 1874. IN COMMISSION MKI KARL GEROLD'S SOHN

BtCHHANDLKK DKH KAlb. AKADEMti; DKK WISSENSCHAFTEN.

SITZUNGSBERICHTE

DER

PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CLASSE

DER KÄISEKLICHEN

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.

,,oy

4,

SECHSUNOSIEBZIGSTER BAND.

JAHRGANG 18 74. HEFT I— m.

WIEN, 1874.

IN COMMISSION BEI KARL GEROLD'S SOHN

BUCHHÄNDLER DEK KAIS. AKADEMIE DEK WISSENSCHAFTEN.

As

M.76

I»ruck von Adolf Holzhniisen in AVien

k. k. l'lnVL'r^itJil^-Ruclld^llckl-l*ci.

INHALT.

Seite

I. Sitzuug vom 7. Jauuar 1874 3

C 0 n z e : Erster Bericht über die vorbereitenden Schritte zur Ge-

sammtausgabe der griechischen Grabreliefs 5

II. Sitzuiig^ vom 14. Jauuar 1874 •_'7

III. Sitznuff vom til. Januar 1874 . 28

IV. Sitzuuff vom 4. Februar 1874. . ... .81

y. Sitzuugr vom 11. Februar 1874 ... 82

Sacken: Ueber ein neues Militärdiplom von Kaiser Elagab.tlus 85

VI. Sitzung vom 25. Februar 1874 47

Haupt: Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker .51

Pfizmaier: Die Geschichte der Mongolenangrifl'e auf Japan . 105 Mussafia: Ueber die provenzalischen Liederhandschi-iften des

Giovanni Maria Barbieri ... 201 Rockinger; Berichte über die Untersuchung von Handschriften

des sogenannten Schwabenspiegels. IV 2fi7

Horawitz: Beiträge zu den Sammlungen von Brieten Philipp

Melanchthons 299

VII. Sitzung' vom 11. März 1874 327

Hartel: Homerische Studien. H 329

VIII. Sitzung vom 18. März 1874 377

Mussafia: Cinque Sonetti antichi tratti da un codice della

Palatiua di Vieuna 879

IX. Sitzung vom 20. März 1874 389

"Wolf: William Roye's Dialogue between a Christian Father

and bis stubborn Son 391

Rieger: Ueber eine Urkunde Ludwig des Deutschen für das Kloster Rheinau. Ein Beitrag zur Geschichte des Kanzlei- wesens im Mittelalter 477

SITZUNGSBERICHTE

DER

KAISKRLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN

PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.

LXXVI. BAND. I. HEFT.

JAHRGANG 1874. JANNER.

Sitzungsber. d. phil.-hist. Ol. LXXVI. Bd. I. Hft.

I. SITZUNG VOM 7. JANUAR.

Der Secretär verliest ein Schreiben des Secretärs der historischen Classe der königl. bayrischen Akademie der Wissen- schaften in München betrefl'end die Fortführung- der Monumenta Gennaniae historica.

Das w. M. Herr Professor Miklosich legt den zweiten Theil seiner Abhandlung ,über die slavischen Ortsnamen aus Appellativen' vor.

Das w. M. Herr Professor Conze erstattet Bericht über die Vorarbeiten zur Herausgabe einer Sammlung der griechischen Grabreliefs.

An Druckschriften wurden vorgelegt:

Äccademia Pontificia de' nuovi Liiicei: Atti. Auno XXVI. Sessione 6*.

Koma, 1873; 4». Akademie der Wissenscliaften, Königl. Preuss., zu Berlin: Monatsbericht.

September und October 1873. Berlin; 8". American Journal of Science and Arts: IIP Series. Vol. V. Nrs. 25 30;

Vol. VI. Nrs. 31—34. New Haven, 1873; 8". Breslau, Universität: Akademische Gelegenheitsschriften aus dem Jahre

1872/73. 40 u. 80. Central-Commission, k. k. .statistische: Ausweise über den auswärtigen

Handel der österr.-ung. Monarchie im Sonnenjahre 1871. XXXII. Jahrg.

Wien, 1873; 4". Cosmos di Guido Cora. V. Torino, 1873; 4". Gesellschaft, k. k. geographische, in Wien: Mittheilungen. Band XVI.

(neuer Folge VI.), Nr. 11. Wien, 1873; 8". Helsingfors, Universität: Akademische Gelegenheitssehriften aus dem

Jahre 1872/73. 4" und 8«.

1*

Mittlieilungen aus J. Perthes' geographischer Anstalt. 19. Band, 1873. Xn. Heft. Gotha; 4".

Revista de Portugal e Brazil. Nr. 5. Deuembro de 1873. Lisboa; 4".

,Revue politique et litteraire' et , Revue scientifique de la France et de l'etranger'. III*^^ Annee, '2" Serie, Nrs. 25—27. Paris, 1873 & 1874; 4".

Schneiderwirth, J. Herrn., Die Parther oder das neupersische Reich unter den Arsaciden. Heiligenstadt, 1874; S". Geschichte der Insel Rhodus. Heiligenstadt, 1868; 8".

Society, The Asiatic, of Bengal: Journal. Part. I., Nr. 1. 1873; Part. IL, Nrs. 1—2. 1873. Calcutta; 8". Proceedings. Nrs. ü.— IV. February— March, 1873. Calcutta; 8". Bibliolheca Jndica. New Series. Nrs. 271, 274—276, 278. Calcutta, 1873; 4" & 8».

Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen: Mittheilungen. IX. Jahr- gang, Nr. 7—8; X. Jahrgang, Nr. 1—6; XI. Jahrgang, Nr. 1 6; xn. Jahrgang, Nr. 1—2. Prag, 1871/73; gr. 8«. Beiträge zur Ge- schichte Böhmens. Abtheilung III. Geschichte der Stadt Leitmeritz. Von Jul. L ippert. Prag, 1871; 8". - IX. und X. Jahresbericht. 1870—1872. Prag, 1871 und 1872; 8". Festschrift zur Erinnerung an die Feier des 10. Gründungstages im Jahre 1871. Prag, 1871; gr. 8". Das Sprach- gebiet der Lausitzer Wenden vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Von Richard Andre e. Prag, 1873; 8". Beiträge zur Geschichte von Aruau. Von Carl Leeder. Prag, 1872; 8". Aus der Vergangenheit Joachimsthals von Gust. C. Laube. Prag, 1873; 8". Mitglieder- Ver- zeichniss. 1873; 8".

Conze. Ueber die Gesaniratansgabe der griechischen Grabreliefs.

Erster Bericht über die vorbereitencleu Schritte zur Gesammtaus2:abe der griechischen Grabrehefs.

Von

A. Conze.

Wir dürfen mit Jacob Grimm ^ den seine Auseinander- setzung über das Wesen der Akademie hierauf führt, von jedem wahrhaft wissenschaftlich Arbeitenden ein untrügliches Gefühl fordern für die Unterscheidung dessen, was abgethan und erledigt sei , von dem , was sich vorbereitet habe und in raschen Angriff genommen werden müsse, erwarten also auch, dass er erkenne, hier und nicht dort sei die Kraft einzusetzen.

Ueber gewisse Aufgaben, welche auf dem Gebiete der klassischen Archäologie vorbereitet liegen und in Angriff ge- nommen werden müssen, hat heute nicht erst der Einzelne sich die Einsicht zu ei'arbeiten. Wegweisende Anfange sind bereits in der Archäologie selbst gemacht, vorbildlich oder doch sehr bestimmt anregend sind grossartige Unternehmungen in nahe benachbarten Disciplinen schon weit geführt, und es ist so zur gemeinsamen Ueberzeugung der heutigen Archäo- logen geworden, dass es, um grössere Fortschritte zu machen, unter Anderem der möglichst vollständigen Sammlung und der mit aller Sorgfalt im Einzelnen verbundenen, zusammenfassen- den Behandlung einzelner Klassen von Arbeiten des antiken Kunsthandwerks und das ist zumal für uns gleich der an- tiken Kunst bedarf.

Ganz besonders gilt es solchen Klassen, welche sich nicht nur nach dem Merkmale gemeinsamer , an gleichem Materiale geübter Technik zusammenfinden, sondern welchen durch alle

C 0 n z e.

Variationen der einzelnen Exemplare hindurch gewisse weit- verbreitete gleiche Absichten und Gedanken zu Grunde liegen, so dass nicht hinter jedem einzelnen, sondern erst hinter einer ganzen Reihe verwandter Werke der ursprüngliche Gedanke sich verbiro-t. Dessen können wir im Verständnisse erst dann Herr werden, wenn wir seine Ausdrucksformen möglichst voll- ständig überblicken und richtig zu gruppiren wissen. Wohl dient es zur Mehrung unseres Wissens, wenn fort und fort Monumenti inediti in bunter Fülle ans Licht gefördert und im Einzelnen mit so viel Flülfsmitteln, wie der Herausgeber jedes- mal herbeischaffen kann, erläutert werden, aber je mehr in dieser Riclitung seit langer Zeit geschah, je mehr hinzukommt und hinzukommen soll, desto erschwerter fast erscheint es über alle Melirung des Wissens zu dessen Klärung zu gelangen.

Was dazu Noth thut, sah schon Eduard Gerhard, der mit dem Sammelwerke mannigfaltigsten Inhalts, seineu , an- tiken Bildwerken', begonnen hatte, zu grossen Serien wenig- stens gleichartiger Arbeiten, Avie die Vasengemälde, mit seinen Publicationen fortgeschritten war, und endlich den Plan zur vollständigen Herausgabe der etruskischen Sarkophagreliefs und dann der etruskischen Spiegel fasste, letzteren auch wirklich mit Hülfe der k. Akademie der Wissenschaften zu Berlin durchführte. Er bewies damit vollgültig die Berechtigung sei- nes paradoxen Ausspruchs, der sich ihm schon Angesichts der epochemachenden Vasenfunde von Vulci aufgedrängt hatte und den er einmal in meiner Gegenwart einem Autographensammler ins Album schrieb : ,Monumentum artis qui unum vidit, nul- lum vidit; qui millia vidit, unum vidit.'

Solche Unternehmungen, wie Gerhards leider durch vie- lerlei absonderliche Irrungen in der Behandlungsweise getrübte, dennoch im Grundgedanken vorbildlich bleibende Publication der etruskischen Spiegel , konnte nach vielfach vorbereitenden Arbeiten älterer Antiquare erst unsere Zeit, namentlich auch mit Hülfe ihrer erleichterten Weltverbindunj;, ins Werk setzen. Erst heute ist es möglich geworden, die Vorräthe der grossen Museen Europas , wie den Inhalt der Fächerwerke eines ge- waltigem Sclirankes, einigermassen bis in alle Einzelheiten zu überblicken und so ziendich überall mit eigenen Augen zu sehen ; denn aucli liier inuss, bei noch so vielen vorhandenen Publi-

Ueber die Gesaramtausgalie der griechischen Grahreliefs. 7

cationen , zur Coiitrole derselben auf die Originale zurück- S'-egangen werden , damit wir hinter den Fortschritten, welche uns die Epigraphik gezeigt liat, nicht zurückbleiben. Günstig ist es wiederum , dass man heute kaum schon genöthigt ist, was bei der Wanderung der antiken Kunstüberreste nicht aus- bleiben wird, auch auf transatlantischen Besitz allzubedeutende Rücksicht zu nehmen.

Was nun aber auch Gerhard nicht ulme die Hülfe der Akademie, der er angehörte, durchführen konnte, das wird in der Regel einzelnen Arbeitern unausführbar sein. Es sind nicht nur die Geldmittel, es sind auch die zahlreichen und mannig- fachen Hülfsleistungen, ohne die solche Sammelwerke nicht zu Stande kommen können , welche leichter einer zur selbstthäti- gen Pflege und Förderung der Wissenschaft fest gegründeten Corporation, als einem Einzelnen zur Verfügung stehen. Dem entsprechend hat namentlich das deutsche Institut für archäo- logische Correspondenz in Rom weitere Schritte auf der von Gerhard eröffneten Bahn möglich gemacht, indem es Heinrich Brunn zur Herausgabe der Reliefs etruskischer Aschenkisten, deren erster Band bereits vorliegt, in den Stand setzte und indem es jetzt auch die Arbeiten für ein Corpus der römischen Sarkophagreliefs . in die Hände von Friedrich Matz gelegt hat.

In die Reihe dieser wissenschaftlich noth wendigen, die Kräfte Einzelner aber, so lange uns die Humboldte in der Archäologie fehlen, übersteigenden Unternehmungen gehört die Herstellung einer, so weit irgend möglich sein wird, voll- ständigen Sammlung der griechischen Grabreliefs. In ihr soll mit einer nach Darstellungen, Zeiten und Orten übersichtlich durchgeführten Ordnung an gewählten , bildlich zu reproduci- renden Beispielen und an möglichst vollständigen Verzeich- nissen gezeigt werden , zu welchen Bildformen die Griechen griffen, indem auch sie durch die Vergänglichkeit des Men- schen zum Bestreben angeregt wurden, ihm im Andenken eine bleibende Dauer zu sichern, bald auch sich schöner Hoff- nungen eines wirklichen Fortlebens nach dem Tode verge- wissert zu halten. Die aus diesem Streben hervorgegangenen Bildwerke der Denksteine auf den Gräbern zeigen eine stete Wiederkehr gewisser Hauptvorstellungen und -Formen, die aber doch einem allmäligen Wechsel unterworfen und immer

g Conze.

in iinerscliöpflicher Freiheit behandelt, etwa einem immer gleich und immer neu von Mund zu Mund getragenen Volksliede vergleichbar sind.

In den einfachen Darstellungen, welche, fast nur wie eine lebendigere Form der Namensaufschrift auf das Grabmal, zur Erinnerung an den Lebenden dienen, eröffnet sich eine reiche Anschauung griechis«.-hen Lebens, sie sind merkwürdig unmittelbare Quellen für die sogenannten Privatalterthümer. Li den im Ganzen einer späteren Zeit angehörigen, nicht nur auf das abgelaufene Leben zurück-, sondern auch hoffnungs- voll zuversichtlich in ein Jenseits hinüberweisenden Bildwer- ken bietet sich der Zugang zu einem welthistorisch wichtigen Kapitel des religiösen Lebens im griechischen Alterthume. In ihrer formellen Fassung sind alle diese Vorstellungen, die man namentlich auch mit Hülfe der beigegebenen Inschriften der Zeit nach über Jahrhunderte vertheilen kann^ von erheblichem kunstgeschichtlichen Werthe, wenn wir auch in der Regel nur die Arbeiten von geringeren Künstlerhänden vor uns haben, Producte des niederen Gewerkes, aber des griechischen, mit welchem einen Worte viel von dem kürzest gesagt ist, wonach dieser Klasse von Bildwerken ein künstlerisch höherer Werth beigemessen werden kann, als den bisher zur Sammlung in Angriff genommenen etruskischen und römischen Arbeiten, die auch nicht über eine so lange Zeit hin sich vertheilen und daher in geringerem Maasse eine geschichtliche Wandelung aufweisen, Uebrigens kann selbst erwartet werden, dass, als etwas Unverächtliches neben dem allerdings an erster Stelle gesuchten wissenschaftlichen Gewinne, aus den griechischen Grabreliefs, wenn sie in ihrer Gesammtheit zugänglich gemacht werden, eine veredelnde Wirkung hervorgehen möge auf das Kunstschaffen der Gegenwart und Zukunft, so weit demselben mehr oder weniger verwandte Aufgaben gestellt sind. Endlich darf num wohl von einer im Sinne des Alterthums selbst recht eigentlich pietätvollen Seite unseres Unternehmens sprechen, wenn wir, dem Ruine entgegenarbeitend, die griechischen Todti-nmale nicht mehr um der meist gleichgültig gewordenen Einzelnen, denen sie galten, sondern um des ganzen, solcher Ehre werthen Volkes willen, das sie in tausendfacher Wieder-

TJeber die Gesammtansgabe der griechischen Grahreliefs. 9

liolung- sich errichtete, durch unsere Arbeit erneuen und festig-en.

Der jetzige Beginn der Herausgabe sämmtlicher griechi- scher Grabreliefs steht im Zusammenhange mit einem Plane, den schon im Jahre 18G0 Adolf Michaelis beim Studium der zahlreichen, inzwischen allerdings vielleicht bereits verdoppel- ten Grabreliefs in Athen fasste, als wir zusammen und in voll- ster Arbeitsgemeinschaft dort verweilten. Die ersten damals in Athen zur genaueren Beobachtung und Sammlung gemachten Schritte, bei denen Karl Timler als Zeichner hülfreich war, setzte Michaelis nachher noch in andern Sammlungen, nament- lich in Paris und London, fort, bald aber stellten sich die dem Einzelnen unübersteiglichen Schwierigkeiten seinen Bemühungen, denen inzwischen sich auch andere Ziele boten, in den Weg und die Sache galt als aufgegeben. Dieser vor meinen Augen begonnene, in täglichem Verkehre besprochene, auch einiger- massen geförderte Versuch hat aber mir persönlich die Zweck- mässigkeit der Veranstaltung eines Corpus der griechischen Grabreliefs besonders nahe gelegt, hat meiner eigenen Auf- merksamkeit für alles in dieses Thema Einschlagende ver- stärkten Antrieb gegeben und somit schliesslich auch meinen am 3. März 1873 an die kaiserliche Akademie gerichteten Antrag zur Folge gehabt, nach dessen Annahme das Unter- nehmen nunmehr als fest gegründet gelten darf. Der vollen Zustimmung und ausgiebiger Mitwirkung von Michaelis Seite war ich dabei von Anfang an versichert. Es kommen dem Werke auf diese Weise von vorn herein mancherlei ältere Vorarbeiten zu Gute, welche Michaelis ohne Weiteres ganz und gar zur Verfügung stellte. Ueber die seitdem bereits wei- ter von Michaelis gewährte thatkräftige Unterstützung werde ich weiter unten seinen eigenen Bericht einschalten, indem ich zugleich aller andern Förderung gedenke, die in reichlichem Maasse an verschiedeneu Orten dem jungen Unternehmen be- reits zu Theil wurde. Nur durch so vielseitiges Zusammen- wirken war der Erfolg, welcher schon kaum in Jahresfrist aufgewiesen werden kann, möglicli, und nur wenn gleiche, ja noch erheblich gesteigerte Gunst und Mitarbeiterschaft in Zu- kunft gewährt bleibt , kann , worauf es zu allererst ankommt, die Beschafi'ung des weit verstreuten und sehr zahlreichen

10 Conze.

Materials in woniffstens annäliernder Vollständicjlteit erreicht werden.

Am Schwierigsten wird es sein, derjenigen Grabreliefs in einer zur Benutzung- genügenden Form habhaft zu werden, die über die Ruinenplätze des hellenischen Wohngebietes selbst noch verstreut sind, dort aller möglichen ^^'illkür unterliegen, in der primitivsten Form der Antikensammlung, bei Neubau- ten, etwa zum Schmucke über der Hausthür, gern verwandt, namentlich aber an der Aussenseite von Kirchengebäuden mit andern antiken Fragmenten und allenfalls auch einigen bunt bemalten Porzellantellern vermischt, eingemauert zu finden sind. Zwar ist Vieles davon litterarisch verzeichnet, Manches auch in Abbildungen publicirt, dennoch muss immer noch die Bitte an alle in solchen Gegenden Lebende oder Reisende er- gehen. Alles, was ihnen von Grabreliefs dort zu Gesichte kommt, der kaiserlichen Akademie in genauen Beschreibungen und Messungen, wo es sein kann, ausserdem in Zeichnungen oder Photographien oder bei sehr flachen Reliefs in Papier- abdrücken, mitzutheilen, damit es, im Einzelnen meistens werthlos, im Ganzen seinen Platz ausfülle und vielleicht doch durch eine dann erst hervortretende Wiederholung auch sonst vorkommender Züge oder durch eine besondere Abweichung vom sonst Gewöhnlichen bedeutsam werde.

Von besonderer Wichtigkeit sind die auf altgriechischem Boden selbst sich bildenden eigentlichen Sammlungen antiker Ueberreste, welche, entsprechend der gi-ossen Rolle der Sepulkralmonumente im ganzen Kunstschaffen des Alterthums, auch an Grabreliefs einen verhältnissmässig sehr starken Be- stand aufzuweisen haben.

Obenan stehen hier die Sammlungen in Athen, deren Vorrath an Grabreliefs allein überreichlich an Zahl und Werth Alles aufwiegen dürfte, was sonst von diesen Werken noch existirt. Neben den athenischen ist ausser der nahe dazu- zurechnenden im Piraeeus im heutigen Königreiche Grie- chenland namentlich die Sammlung in der Schule zu Syra durch eine Reihe von Grabreliefs wichtig.

Im ottomanischen Reiche weiss ich bis jetzt nur das nuihr Mars als den Musen gehörende Museum beim Zeughause in der ehemaligen Irtnienkirche in Stambul zu nennen, ferner

Ueber die Gesammtausgabe der griechischen Grabrelip.fs. 11

eine anständiger aufgestellte Sammlung in der griechischen Schule zu Mytilini, allenfalls endlich noch die Privatsammlung des Herrn Calvert in Tschanak-kale (Dardanellen).

Bei dem schon erwähnten starken Vorherrschen der Sepulkralmonumente unter den uns gebliebenen' Resten antiker Kunst, von dem man sich am besten auf und nächst den Ruinonplätzen altgriechischer Städte selbst überzeugen kann, fehlen Grabreliefs kaum irgendwo, wo die Antikensammlungen echt griechische Bestandtheile besitzen. Begreiflicherweise sind unter den grossen Museen an ihnen am ärmsten die römischen. Doch fehlen sie auch da nicht ganz , sind sogar in einigen höchst merkwürdigen Stücken, wie z. B. dem lange verkann- ten sogenannten Leukothearelief in der Villa Albani, vertreten. Solche Stücke in Rom und Umgegend lassen zum Theil auf eine gelegentliche Beachtung und Fortführung von griechischen Grabreliefs nach Rom hin schon in der römischen Kaiserzeit schliessen, was vermuthlich nicht ohne Einwirkung auf das Nachleben der griechischen Kunst in Rom geblieben ist.

Unter den übrigen italienischen Sammlungen gehören die sizilischen und unteritalischen mit ihrem nicht sehr er- heblichen, aber wiederum um einzelner Stücke Avillen wichtigen Bestände an griechischen Grabreliefs in den Kreis der auf alt- griechischem Boden gebildeten Sammlungen. Im Norden Ita- liens hat in moderner Zeit das früheste Sammeln von o-nechi- sehen Grabreliefs in grosser Zahl begonnen. In Folge der Schifffahrtsverbindungen der italienischen Seestädte mit dem Orient und des in Italien früh belebten antiquarischen In- teresses sind eine Menge von Grabreliefs, die man auf den griechischen Inseln und andern Küsten besonders leicht fand und transportiren konnte, herübergebracht worden. In Pisa fehlt es nicht ganz an solcher Spur, in Genua, das seinen in- zwischen wieder aufgegebenen Antheil von den Reliefs des Mausoleums zu lialikarnass genommen hatte, ist jetzt nichts mehr nachzuweisen. Am stärksten war der Import gi'iechischer Sculptur- und Inschriftsteine, darunter Grabreliefs, offenbar nach Venedig, von wo aus eine weitere Verbreitung über das oberitalienische Hinterland stattgefunden hat. Die verein- zelten Grabreliefs, welche sich in verschiedenen oberitalieui- schen Städten daher noch heute finden, sind hier nicht alle

"12 C 0 n z e.

aiifzuzillilcn ; nirgends sind so viele, wie in der Maffeisclien Sammlung im Museo lapidario zu Verona. In Venedig ist, namentlich seitdem das Museo Nani verkauft wurde, wenig zurückgeblieben; das Museum der Marciana ist arm an Grab- reliefs. Dagegen ist eine auch in Bezug auf seine Grabreliefs bedeutendere venctianische Privatsammlung, die der Familie Obizzi, auf Schloss Catajo an den eugancischen Bergen erst durch die neuesten Schicksale der jetzigen Besitzer, der frü- heren Herzoge von Modcna, in seinem Bestände berührt. Auch Triest verdankt eine kleine Sammlung namentlich von Grab- reliefs seinen Schifffahrtsverbindungen und der Liebhaberei, die in Italien sogar Fälschungen hervorrief, von denen, ebenso wie von störenden Restaurationen, die Grabreliefs sonst freier geblieben sind. Allgemeiner unterlagen sie einer falschen Inter- pretation, welche ihnen theils berühmte historische, theils mythische Benennungen anhängte.

Dem Ursprünge nach sind mit den oberitalienischen Sammlungen mit griechischen Grabreliefs einzelne gleiche in Südfrankreich zusammenzustellen, dessen Hauptvorrath von solchen Reliefs im Museum zu Avignon allerdings erst aus Ankäufen vom venetiauischen Museo Nani gebildet wurde. Unter seinem ansehnlichen Besitze gi'iechischer Sculpturen weist der Louvre zu Paris auch von Grabreliefs Bedeutendes auf.

Noch mehr ist in England, seit es als die Königin der Meere die Ausbeutung der griechischen Fundstellen zu so grossem Gewinne der Alterthumswissenschaft sich angelegen sein Hess, zusammengekommen. Der bedeutendste ältere Besitz dieser Art auf englischem Boden dürfte sich in Oxford be- finden, über die Grabreliefs in einer ganzen Anzahl von Privat- sammlungen englischer Gutsbesitzer M'ird weiter unten in j\Iichaelis Berichte des Weiteren die Rede sein, auch von den alles dieses übertreflfenden Schätzen griechischer Grabreliefs im britischen Museum zu London, die sich in beständigem Zuwachse vermehren.

Auch das erwähnt der Bericht von Michaelis, was den llullilndurn ihre maritimen Verbindungen und ihr durch die Blüthczeit holländischer Philologie gewecktes Interesse zumal in der Leydener Sammlung in sehr nach Zahl und Werth hervorragenden Exemplaren zu vereinigen möglich gemacht hat.

Ueber die Gesammtausgabe der griecbigchen Grabreliefs. 13

Nicht unbedeutend ist ferner trotz minder begünstigter Lage, aber bei um so höher gesteigertem Interesse am griechi- schen Alterthume der Besitz an griechischen Grabreliefs in den k. Museen zu Berlin, während andere deutsche Samm- lungen und so auch das kaiserliche Cabinet in Wien nur ver- einzelte Exemplare aufzuweisen haben.

Unter den drei nordischen Hauptstädten ist allein Pe- tersburg durch seine Bezugsquellen aus den südlichen Pro- vinzen am schwarzen Meere zum Erwerbe einer grösseren Sammlung von Grabreliefs in der kais. Eremitage gelangt. Vieles ist aber in Kertsch zurückgeblieben, Anderes soll sich in Odessa befinden. Diese Plätze selbst reihen sich bereits wieder den ottomanischen Grenzländern an, in welchen z. B. auch Bukarest nach Benndorfs Mittheilungen Einiges bietet.

Nach einzelnen als Vorläufern hinübergewanderten Grab- reliefs wird vielleicht auch jetzt bereits in amerikanischen Sammlungen Nachfrage zu halten sein.

Wenn nun gleich von diesem ganzen Vorrathe griechi- scher Grabreliefs, dessen Vertheilung hiermit in den Haupt- zügen angegeben ist, sehr Vieles bereits publicirt, ja wieder- holt abgebildet und besprochen ist, so kann es doch nirgends von vornherein für überflüssig erklärt werden, auf die Origi- nale selbst zurückzugehen. Selbst die bestbeglaubigten Publi- cationen werden an ihnen noch einmal geprüft werden müssen. Um eine erste Grundlage hierfür zu gewinnen, wurde die Hülfe der Photographie in Anspruch genommen.

Im Sommer 1873 bot eine im Auftrage des Ministeriums für Cultus und Unterricht gemeinsam mit Alois Hauser und Georgre Niemann von mir unternommene Reise nach Samo- thrake, auf der namentlich Konstantinopel und Athen berührt wurden, und im Herbste desselben Jahres eine Studienreise, welche Michaelis nach England machte, die günstige Gelegen- heit zur Einleitung der nothwendigen Arbeiten an so wichtigen Orten.

Die Verabredungen in Athen haben zu den überraschend schnellsten Resultaten geführt, da der nicht nur als Numis- matiker durch Thätigkeit und höchste Akribie ausgezeichnete Alterthumsforscher Achilleus Postolakkas sich bereit fin- den Hess, die Leitung der Arbeiten in Athen und Umgegend

14 Couze.

ZU übernehmen. Seinen Bemühiint^en kam mit höchst bereit- willigen Genehmigungen das k. griechische Unterrichts- ministerium, so wie der zu allem Nützlichen seine Zustim- mung nicht versagende Vorsteher der Alterthümer Eustra- tiadis entgegen. Auf das Förderlichste betheiligten sich Otto Lüders und Emanuel Galanis, ganz besonders endlich durch aufopfernde Uebernahme der geschäftlichen Seite des Unternehmens mein Freund Karl Wilberg. Die photographi- schen Aufnahmen führte Herr Konstantin aus, Herr Marti- uelli war hülfreich zur Hand. Andern fehlte nur die Gelegen- heit ihre Gunst thätig zu beweisen.

Die athenischen Grabreliefs, deren Photographien seither bereits in den Besitz der Akademie gelangt sind, vertheilen sich auf die einzelnen Sammlungen und Aufbewahrungsorte wie folgt: Sammlung der archäologischen Gesellschaft im

Barbakeion 99 Stücke

Neues Museum 93

,Thurm der Winde' 44

Im Garten des k. Schlosses 13

Bei der Agia Trias 68

Museum im Piraeeus 41

Auf dem königlichen Gute bei Tatoi (Dekeleia) 12

Im Ganzen 370 Stücke. Ausserdem sind bereits in Angriff genommen und grossen- theils schon in den Aufnahmen beendet :

Auf der Akropolis . . . etwa 200 Stücke In der ,Hadriansstoa' . . 245

Im ,Theseion' „280

Im Barbakeion weitere ... 60

In Eleusis 2

Im Ganzen etwa 787 Stücke. Einzelne Reliefs, namentlich solche in Privatbesitz, wer- den noch hinzukommon. Der grösste Theil der Arbeit zur Beschaffung des wichtigen athenischen Materials in photo- graphischen Aufnahmen ist aber bereits als gethan anzusehen. Der Werth gerade dieser attischen Reliefs , denen ver- hilltnissmässig wenige aus andern Gegenden Griechenlands hergebrachte beigemischt sind, liegt in ihrer grossen Anzahl,

üeber die Gesammtausgabe der griechibcheu GraVireliefs. 15

der keine andere Gegend Gleiches geg;enüberzustellen hat, fer- ner in der Vertheihmg- der einzehien Exemphxre auf einen sehr langen Zeitraum, weiter in der Mannigfaltigkeit, mit wel- cher unter ihnen die überhaupt vorkommenden, Reliefs tra- genden Typen der Grabmäler vertreten sind: die Stelen mit einfachem Giebel oder mit reich ornamentirtem Akroterion, welche ausser der Inschrift bald nur gemalt, bald in Relief die Bilder der Verstorbenen tragen, Männer, darunter Krieger und Seeleute, Frauen, Kinder, bald einzeln, bald mit ihren Dienern oder in reichster Gestalt zu einfach rührenden Fami- liengruppen, später beim sogenannten Todtenmahle vereint. Statt der Stelen erscheint, als eine vorzugsweise, wenn, auch nicht ausschliesslich attische Form , sehr oft auch die Grab- vase als Reliefträgerin, während die bildlichen Beigaben zu der Namensinschrift auf der in der späteren Zeit gewöhnlich- sten Form der runden, gewöhnlich kurz sogenannten Cippi sehr zusammenschmelzen. Der Zeit der politischen Macht und des höchsten Geisteslebens Athens entsprechen als gleichzeitige Schöpfungen vielleicht die edelsten Grabzeichen, die je Ver- storbenen errichtet wurden.

Eine Anzahl dieser attischen Reliefs erfreut sich bereits länger einer verdienten Berühmtheit, ohne dass sie alle vollständig ihrem Werthe entsprechend publicirt wären, namentlich eine Anzahl von erst neuerlich aufgefundenen, wie die bei der Agia Trias, sind zwar rasch bekannt geworden, in einzelnen Abgüssen verbreitet, aber so gut wie ganz ohne vollgenügende Veröffent- lichung geblieben. Weder was Zeitschriften in lithographirten Facsimiles der Photographien und ähnlicher Art gebracht haben, noch selbst die verdienstliche Aufnahme von Salinas und Se- veso, genügt ganz und gar. Es wird eine Aufgabe bei der endlichen Publication der Sammlung sein, solchen ausgewähl- ten Werken ihr volles Recht in der Art der bildlichen Wie- dergabe zu schaffen, während für die grosse Menge gewöhn- lichster Arbeiten eine summarischere Behandlungsweise wird genügen müssen. Das Ganze und das Einzelne kann dann erst im richtigen Lichte erscheinen. Hier Avill ich nur so viel einst- weilen nicht ganz unterlassen, den Zuwachs kurz hervorzu- heben, Avelcher zu dem Bestände bereits mehr oder weniger auch ausserhalb Athens bekannter Stücke durch die unter

If) Cuuze.

Püstolakkas Leitung ausgeführten Arbeiten hinzugethan sind. Ii'li Ijezeichnc nach den Nummern des der kais. Akademie gehörenden, einstweilen meinen Händen anvertrauten Apparats.

Den neuesten Gewinn bieten die erst im Juni 1873 bei Tatüi, dem alten Dekeleia, ausgegrabenen Grabsteine, über welche gleich in der ersten Zeit nach Beginn der Funde Otto Lüders in der archcäologischen Zeitung (XXXI, S. 55 ff.) bericlitete. Ganz neu hinzugekommen ist seitdem (App. Tatoi 1) der (rrabstein eines Aiaac Tc^cärr^c, der Name vollständig und sein- deutlich geschrieben; das Keliefbild stellt ihn als einen Leichtbewaffneten in der Exomis, mit dem Pilos auf dem Kopfe und dem Schilde am Arme vorwärts eilend dar. Jetzt, wie es nach unsern Photographien scheint, in Tatoi befindlich, aber vielmehr unweit bei Spata gefunden ist (App. Tatoi' 4) das wiederum mit vollständiger und sehr deutlicher Inschrift, 'Pjsli; XP^^"^ 'Ap})^e!r:paTr,c Onyar^p, versehene, nur zur obern Hälfte erhaltene Reliefbild eines Mädchens. Aus Dekeleia selbst ist dagegen wieder der (App. Tatoi 12) auch nur zum kleineren oberen Theile erhaltene Grabstein mit dem Relief- bilde einer Mvr;c'.cTpxTY;. Ein Grabaufsatz in Gestalt einer Marmor- vase mit Schlangenhenkeln (App. Tato'i 2. 3) ist unter diesen Funden von Dekeleia, wie schon Lüders betonte, an feiner Pracht und straffer Lebendigkeit der Ornamentik, namentlich in dem Akanthos am Halse des Gefässes, nicht leicht über- troffen.

Das Museum im Piraeeus ist erst im Laufe der letz- ten Jahre neu entstanden. Gaedechens hat es dem Vernehmen nach handschriftlich katalogisirt und verspricht in seinem neu begonnenen Werke ,Unedirte antike Bildwerke^ (Jena, 1873) Einiges aus demselben zu veröffentlichen. Wir entnahmen der Sammlung im Ganzen 41 Grabreliefs, wozu der jetzt nach Athen versetzte Director des Gymnasiums und des Museu.ms im Piraeeus, Emanuel Galanis, früherer Zeiten an der Uni- versität Halle freundlich gedenkend, auf das Liebenswürdigste uns behülflich war. Auf der Stele eines 'ApiaTOisXY;?, ApicrTO[j.evoj; Ilepi'acYjOEv (App. Mus. Pir. 1. Kumanudis AxTr/.vj«; eTr'.ypaq/at iztrj|xß'.c'. n. lOlö) erscheint wiederum eine besonders reiche Vase , an welcher die Ausfüllung des Raumes zwischen dem Vasenhalse und dun Henkeln durch eine Jünglingsfigur sich

Ueber die GesammtauKgabe der griechischen Grabreliefs. 17

eben so zeigt, wie auf dem von Lüders (a. a. O. S. 56, Anm. 1) erwähnten Schmidt'sehen Grabsteine in Athen nnd wie abermals auf einem Exemplare des Neuen Museums in Athen (App. Neues Mus. Athen * 02). Ein Relief dieser Piraei- schen Sammlung (App. Mus. Pir. o), eine sitzende Frau, vor der eine Dienerin mit dem Schmuckkästchen steht^ gehört zu den besten , im Zustande glücklicher Erlialtung geretteten Werken etwa des ersten Anfangs des 4. Jahrhunderts v. Chr. Eigen thümlich ist in der Reihe der mit Gefässen in Relief geschmückten Stelen eine (App. Mus. Pir. 24), auf welcher drei Gefässe dargestellt sind, deren mittleres auf einer auch sonst aus attischen Monumenten bekannten in einen Kopf zusammenlaufenden Doppelsphinx ruht. Das Relief des Kna- ben mit dem Häschen auf der Hand (App. Mus. Pir. 33) stimmt der Darstellung nach mit Reliefs aus Rhodos und Ka- sos (Conze , Beiträge zur Gesch. der griech. Plastik ^ S. 32, Anm. 4) überein. Auch sonst bieten die Grabreliefs dieser Piraeischen Sammlung manches besonders Beachtenswerthe und Neue.

Fast eben so wenig, wie die im piraeischen Museum siiid auch die im neuen Museum zu Athen untergebrachten Grab- reliefs bis jetzt ausser Athen bekannt. Ein Relief (App. Neues Mus. Athen *27) von ganz besonderer Lebendigkeit und Innigkeit veröffentlichte erst kürzlich Lüders in der archäo- logischen Zeitung (1873, Taf. 8), einigermassen verwandt, wenn auch von geringerer Ausführung, ist ein anderes (App. Neues Mus. Athen. *38. Kumanudis *3145), auf dem ein ält- licher, namenloser Mann sitzt, während die junge KyXMG-o\)Ayri der herankommenden Miy.a entgegeneilt und sie umfasst. Das Grabrelief (App. Neues Mus. Athen 40. Kumanudis 304(3) der beiden Knaben Kspv.wv und Fläix^tAo;, von denen der erste einen Vogel in der linken Hand hält, mit der Rechten ein Wägel- chen nach sich zieht, während der andere jüngere vor ihm am Boden hockt und die Hand nach dem Vogel ausstreckt, ist völlig gleichartig den gerade in Attika viel fabricirten und gefundenen kleinen Vasen mit spielenden Kindern. Da das Grabrelief nach der Schriftform dem Jahre 400 v. Chr. nahe gesetzt werden muss, bietet sich damit auch ein weiterer An- halt für die Zeitbestimmung der genannten Vasen (Heydemann

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. LXXVI. Bd. I. Hft. 2

I

ib Conze. ,

griech. Vaseubildur zu Taf. XII, Fig. lOj. Ziemlich reichhaltig ist das neue Museum aii solchen Grabsteinen, auf denen der neben einander bestehende Gebrauch der Bemalung und der Ausführung von Keliefdarstellungen, und unter denen mannig- fache Beispiele der verschiedenen Uebergangsformen von reiner Malerei bis zum Hochrelief recht augenfällig sind. Besonders häuhg sind die nur bemalten oder, wie man trotz ganz verschwundener Farbenspuren deutlich sieht, bemalt ge- wesenen Akroterien der Grabstelen. Der sonstige aufgemalte Zierrath, bis zu figürlichen Darstellungen, ist vielfach auch nach dem völligen Verschwinden der Farben aus der jetzt leer gewordenen Stelle noch sicher zu erkennen (so App. Neues Mus. Athen 18. *97. *110. *123. *124), mehrfach sind aber auch Farbenspuren noch vorhanden (App. Neues Mus. Athen * 94. * 103. * 145. * 147. * 151) ; das äUeste dieser Beispiele ist * 147, der Grabstein eines Antiphanes ('Av-icpavcu<;). Besonders deutlich ist auf einem Steine (App. Neues Mus. Athen * 146) noch die Malerei sichtbar, ein schwärzlich skizzirter Reiter auf leb- haft rothem Grunde. Diesen nur bemalten Grabsteinen stehen zunächst die, auf welchen die figürlichen Darstellungen nur mit vertieften Linien aufgezeichnet sind, wozu ursprünglich wahrscheinlich Farbe hinzugegeben wurde (App. Neues Mus. Athen *77. * 78. * 148) ; darauf folgen diejenigen Steine, auf welchen um solche in Umrissen auf die Fläche eingezeichneten Figuren eine Schicht des Grundes bis zu einer viereckigen, das ganze Bild umfassenden Linie herausgenommen ist (App. Neues Mus. Athen Iß. *42. *60. *66). Die so noch flach bleibenden Figuren wurden dann aber auch in verschie- denen Graden rundlich erhoben modellirt, wovon ein leiser Anfang auf einem Steine des neuen Museums (App. *65) sich zeigt. Darüber hinaus gehen die eigentlichen Hochreliefs. Zu solchen mit dem technischen Verfahren die stilistischen Eie-en- thümlichkeiten erklärenden Beobachtungen, wie sie R. Schöne (griechische Reliefs S. 21) noch kürzlich anstellte, werden die Grabreliefs ein überreiches Material bieten. Auch halbfertig gebliebene Grabsteine sind hierfür lehrreich. Einen solchen, noch dazu einen lapidaren Palimpsest, da er aus einem älteren Inschriftsteine, dessen Zeilen noch theilweisc sicht- bar sind, gemacht wurde, finden wir gleich unter den

lieber die Gesamnitausgiibe der griechieclieu Gialireliefs. Ij)

Grabreliefs ausserhalb des alten Dipylon bei der lieutig-en Kapelle der Ag-fa Trias (App. Ag. Trias. Athen 7. Kiima- nudis *305). Die Grabsteine bei der Agia Trias haben sich gleich nach ihrer Entdeckung durch den alten Zusammen- hang mit der Oertlichkeit, der so selten in dieser Weise bewahrt blieb, durch die grossentheils vortreffliche Erhal- tung , durch die Schönheit der Arbeit bei vielen , durch das Interesse einer bestimmten au einen der Grabsteine geknüpften historischen Thatsache, so sehr der allgemeinen Aufmerksam- keit empfohlen (s. C. Curtius in der archäologischen Zeitung 1872, S. 12 ff., wo auch die übrige Litteratur nachgewiesen ist), dass hier ein Hinweis auf besondere Einzelheiten nicht am Platze scheint.

Im Horologium des Andronicus Cyrrhestes, dem gewöhn- lich sogenannten Thurme der Winde, bleibt das wichtigste Stück unter den dort verwahrten Grabreliefs dasjenige Frag- ment (App. Windethurm 37. R. Schoene griech. Reliefs 122), welches sich seiner Art nach zu allernächst mit dem Grab- relief in der Villa Albani zu Rom, dem sogenannten Relief der Leukothea, verbindet. Auch das dem Fundorte nach seltene Grabreliefstück aus Abdera (App. Windeth. *30. R. Schoene griech. Reliefs 123) befindet sich jetzt im Thurme der Winde. Sonst ist eine reichst ornamentirte Grabvase dort besonders bemerkenswerth (App. Windeth. 25'^'"^).

Besonders ausgezeichnet ist endlich noch die Reihe der Grabreliefs in der Sammlung der archäologischen Ge- sellschaft im Barbakeion. Man erkennt unschwer, wie für diese Sammlung unter besonders intelligenter Leitung man- ches ausgewählte Stück eigens gesucht und erworben wurde. An erster Stelle nenne ich das Stück einer Grabstele (App. Barbak. 1), welches in der Kunstgeschichte fortan viel genannt werden wird, nachdem es erst vor Kurzem aus der alten Stadt- mauer im Nordwesten Athens hervorgezogen, für das Berliner Museum geformt und nach dem Ausgusse von E. Curtius (Abhandl. der k. Ak. der Wiss. zu Berlin 1873, S. 153 ff.) publicirt wurde. Der Verstorbene war auf der schmalen Stele aufrecht stehend in l'rotilansicht, wie Aristokles, dargestellt; er hält in dei- link(Mi Hand geschultert einen Diskus. Es ist

fast nur der Ko[»f und hinter demselben der gehobene Diskus

2*

20 Conze.

erhalten. Von bester Erhaltung, bis auf die nicht wie am Grabbilde des Aristokles gebliebene Bemahmg, ist das Gesicht. Dessen besonders alterthümliche Bildung in den Augen, im Ohrlappen, im Munde, dazu die alterthümliche Haartracht, verbindet sich mit einer merkwürdigen Natürlichkeit und Le- bendigkeit des Umrisses und der Modelliruug. Noch zwei an- dere Fragmente, das eine das JVIittelstück, das andere die Beine einer männlichen Figur in Relief noch zeigend, gehören unter die Incunabeln der attischen Plastik (App. Barbak. 3. 4). Ein Reliefbild auf der Grabvase zweier Frauen Mvr.caYipa und tpaiosrrpar/; (App. Barbak. 14. Kumanudis 40) erinnert sehr an die Gruppe der Phaidra zwischen ihren Frauen, wie sie römi- sche Sarkophage offenbar als Ueberlieferung einer berühmten Compositiou uns erhalten haben. Aus bester Zeit, etwas nach 400 V. Chr., und bis auf die verschwundene Bemalung von ausserordentlicher Frische der Erhaltung ist das Relief am Grabsteine des Ar,tj.o/.Xe{SY)<; ; A-r;ij.r,TpioL» , der auf einem Schüfe, Helm und Schild abgelegt neben sich, traurig dasitzt. Im mo- dellirten Relief sind nur die Figur und die Waffen ausgeführt, von allem Uebrigen ist nur der Umriss markirt, innerhalb dessen die glatte Fläche durch Malerei ausgefüllt gewesen sein muss; es ist ein sehr deutliches Beispiel der völligen Ungetreunt- heit malerischer und plastischer Darstellung. Als eine seltenere Darstellung ist das Relief, welches die Niederlegung der Leiche auf eine Kline zur Prothesis zeigt, zu erwähnen (App. Bar- bak. 92. Dumont Revue archeol. N. S. XXIV, 1872, S. 339. R. Schöne griechische Reliefs n. 120).

Während in Athen mit bereitwilligster Förderung unseres Unternehmens alle Sammlungen zur freiesten Benutzung gestellt wurden, stiess unser Wunsch, die Grabreliefs im Museum der Irenenkirche photographiren zu lassen, in Koustanti- nopel auf einige Schwierigkeiten, dergleichen bisher noch ein Jeder, der diese deshalb auch noch sehi- wenig ihrer Bestim- mung gemäss wissenschaftlich verwerthete Sammlung zu be- nutzen wünschte, zu erfahren hatte (Dumont Revue archeol. N. S. XVIII, 1868, S. 237 ff.). Es gelang indessen den Be- mühungen dos Herrn von Kosjek, Legationsrathes bei der k. und k. Botschaft in Konstantinopel, in Uebereinstimmung mit dem Director des Museums, Herrn Dethier, die Hinder-

Ueber die Gesammtausgabe der griechischen Gralireliefs 21

nisse zu überwinden. Was Dank diesen Beinühung-en in den von den Gebrüdern Abdullah vortrefflich ausg-eführten Auf- nahmen der 47 Grabreliefs der Irenenkirche in unsere Hände gekommen ist, zeichnet sich zwar der Mehrzahl nach nicht durch hohen Kunstwerth aus, ist aber von eigenthümlicher Wichtig-heit, indem es die vorzugsweise thrakische Provinzial- weise aus später Zeit repräsentirt. Ganz vereinzelt bedeutend steht aber eines der ausgezeichnetsten Grabreliefs, die wir überhaupt kennen, unter den übrigen da. Es ist aus Thessa- lonike gekommen, der eigentliche Fundort scheint leider nicht feststellbar zu sein. Auf der Stele erscheint in wohlerhaltenem' Flachrelief die ganze Figur eines jungen Kriegers, mit Pilos, Chlamys, Schwert, Schild und Speer leicht bewegt dastehend. Das stilistische Interesse dieses Werkes ist zu gross, als dass wir die gebotene Gelegenheit zur Anfertigung einer Form hätten unbenutzt lassen können. Die Formerei der k. k. Aka- demie der bildenden Künste hat die Kosten getragen und es sind bereits verschiedene Museen mit Ausgüssen versehen worden. Die einzige bisher vorhandene, nicht einmal sehr ge- nügende Abbildung dieses Grabreliefs findet sich in einem wenig zugänglichen Buche, dem Catalogue explicatif, histori- que et scientifique d'un certain nombre d'objcts contenus dans le musee imperial de Constantinople (Constantinople 1S71) n. 125. Im Texte von E. Goold S. 4G ff. wird es für ein Bild des Askanios, des Sohnes des Aeneas, und für eine Ar- beit aus Augusteischer Zeit erklärt, noch weiter gehäufter gröblicher Irrthttmer ganz zu geschweigen.

Ueber den Beistand, welchen Michaelis unserem Unter- nehmen auf einer Bereisung Hollands und Englands ge- leistet hat, berichtet er selbst, wie folgt.

„Von den in England befindlichen griechischen Grabreliefs hatte ich im Jahre 1861 diejenigen, welche damals im briti- schen Museum vorhanden waren, genau beschrieben und ver- messen, diesen aber nur sehr wenige aus anderen Sammlungen hinzufügen können. Diesmal betrachtete ich es als meine Auf- gabe, theils die fi'üheren Aufzeichnungen zu revidiren und durch den neuen Zuwachs jenes Museums zu ergänzen, theils die übrigen englischen Sammlungen so weit wie möglich auf Grabreliefs hin zu untersuchen. Dies ist keine leichte

'2^ Coiize.

J

\ufgabc, weil die Summlung-en weit über das Land zerstreut, theilweise recht abgelegen und auch nicht alle ohne Schwie- rigkeit zugänglich sind ; in London war es überdies unmöglich, über die meisten derselben einigerniassen genaue Angaben zu erhalten. Als werthvoUe Wegweiser sind namentlich die Reise- berichte von Conze und Matz in der archäologischen Zeitung (Bd. XXII und XXXI) hervorzuheben ; manchen weiteren Wink verdanke ich der Güte der Herren Franks, Murray, Newton und Scharf in London.

Eine zweite Schwierigkeit bestand darin, von den so weit zerstreuten Reliefs zuverlässige Abbildungen zu erhalten. Einige hervorragende Stücke hatte Fr. Matz, welcher um Ostern d. J. das Land in verwan4ter Absicht durchreist und darauf einen Zeichner in einige der Hauptlocali täten geschickt hatte, durch diesen zeichnen lassen und stellte die Zeich- nungen gütigst zur Verfügung. Meistens aber galt es in den Städten oder in der Nähe der Landsitze, wo die Monumente sich befinden, einen Photographen ausfindig zu machen, dem die Arbeit aufgetragen werden konnte. Dies ist auch fast durch- weg gelungen ; wo es bisher noch nicht möglich gewesen ist, haben sich wenigstens gute Aussichten eröffnet. Mit besonderem Danke ist die Liberalität hervorzuheben, mit welcher sowohl die Vorstände der öffentlichen Museen, wie die Besitzer der Privat- samndungen meinen Bitten um Erlaubnis zum Photographiren willfuhrt haben. Manche der Herren haben sich überdies be- reit erklärt und diese Bereitschaft zum Theil schon bewährt, die Arbeit des Photographen zu überwachen ; ich nenne be- sonders die Herren A. S. IMurray in London, Fisher und Prof. Max Müller in Oxford, Prof. Sidney Colvin in Cambridge, Mawson in Lowther Castle, C. T. Gatty in Liverpool.

Die Zahl der von mir aufgefundenen griechischen Grab- relicfs und ihre Vertheilung auf die einzelnen Sammlungen ergibt sich aus folgender Uebersicht:

Oeffentliche Museen.

London: britiseiics Museum 142

Soutli-Kensington-Museuni 4

Camh'f'tlge: Fitzwilliain-]\lnseum 12

Ueljer die Gesammtansgabe der griechisehen Grabreliefs. 2o

OefFeütliclie Museen.

Cambridge: Trinity-CoUeg-e 5

Oxford: Schools 16

Ashmolean Museum 5

University-Galleries 7

Liverpool: Public Museum 2

Privatsammlungen.

Brockleshy Park, Earl of Yarboroug-h 12

Ince-Blundell-Hall, Mr. Weld-Blundell 2

London: Lansdownehouse. Marquis of Lansdowne . . 3

Loiüther Castle, Earl ofLonsdale 8

Marhury Hall, Mr. Smith Barry 2

Richmond, Mr. Francis Cook, Visconde de Montserrat . 4

Rokehy Hall, Mr. Morritt 5

Wiltonhoicse, Earl of Pembroke . 5

Woburn Abhey, Duke of Bedford . 1

Summe 285

Von diesen Reliefs sind bisher nur ein kleiner Theil der im britischen Museum befindlichen und diejenigen in Brockles- byhouse gut oder einigermassen genügend bekannt (aus den Ancient Marbles in the British Museum und dem Mu- seum Worsleianum); alle übrigen sind entweder ganz schlecht publicirt (so dfe meisten Stücke der Oxforder Samm- lung in Chandler's Marmora Oxoniensia) oder noch ganz unbekannt; zum Theil wusste man nicht einmal von ihrer Existenz.

Weitaus der grösste Theil gehört der späteren Zeit an, und nicht wenige Stücke dürfen nur als neue Beispiele einer auch anderswo reiclilicli vertretenen Kunstart oder Darstellung betrachtet werden. Doch bringt selbst bei diesen vereinzelt fast werthlosen Stücken die Zusammenstellung vielfach neue Aufschlüsse; wie in einer lexikographischen oder grammati- schen Untersuchung erst die Menge und Art der Belegstellen über Fragen des Gebrauches und der genaueren Bedeutung einzelner Worte und Redeweisen eine sichere Entscheidung estattet. Ein ganz besonderes Interesse haben die englischen

Sammlungen sogar vor den künstlerisch so viel hervorragen-

24 Conze.

dei-en Samnilungeu in Griechenland selbst voraus : die Mannig- faltigkeit der Fundorte. Attische Grabsteine in grösserer An- zahl sind namentlich im britischen Museum, in Brocklesbyhouse und in Cambridge vorhanden, dazu einzelne Stücke in Oxford, Lansdownehouse, Lowther Castle und Marbury Hall. Viel zahlreicher sind solche Grabsteine, wie sie hauptsächlich in Dolos, aber auch auf anderen Inseln des ägäischen Meeres sicli finden; sie bilden den Hauptstock der englischen Reliefs, zum Theil in ausgezeichneten oder höchst interessanten Exem- plaren, z. B. in Oxford, luce-Blundell-Hall, Lowther Castle, Kokeby Hall. Ein aus Faros stammendes Relief in Brocklesby Park überstrahlt diese ganze Masse weit durch seinen eigen- thümlichen Kunstwerth. Dazu kommen im britischen Musemn Stücke von seltenen Fundorten, wie Ejjhesos Mytilene Hali- karnass Rhodos Kyrene, und eine geschlossene Gruppe eigen- artiger provinzieller Reliefs, welche aus Pantikapäon stammen und während des orientalischen Krieges von Kertsch nach Lon- don gebracht worden sind. Wie uns diese in Gegenständen und Technik eine an die griechischen Muster nur noch schwach erinnernde späte Kunstart vorführen, so erkennt man in den ephesischen Reliefs den Einfluss attischer Kunst als so mass- gebend, dass nur die Qualität des Marmors und eine minder fein empfundene Durchführung den Unterschied zeigen. l>,etz- teres gilt auch von einem kyprischen Relief in Liverpool; einige smyrnäische im South-Kensington-Museum nähern sich mehr dem auf den Inseln üblichen Stil, welcher überdies eine Anzahl neuer, eben um ihres Fundortes willen höchst beach- tenswerther Vertreter aus Sicilien und Unteritalien in der Samndung Cook zu Richniond erhält. Endlich scheint ein Stein in Liverpool durch sein Material nach Megara zu weisen.

Noch verdienen einige Stücke aus der ganzen Masse als besonders ausgezeichnet hervorgehoben zu werden. Vor allen das Mädchen mit den Tauben auf dem parischeu Grabstein der Worsley'schen Sammlung in Brocklesby Park, mit Recht seit lange als ein .Juwel der ganzen Kunstart betrachtet, ob- gleich die vorhandenen Abbildungen den Reiz des Originals nur schwach ahnen lassen. Hieran schliesst sich ein feines kleines Flachrelief in Woburu Abbey, unbekannten Fundortes:

Ueber die Gesammtausgabe der griechischen Grabreliefs.

ein ganz in sein Gewand g-eliülltes Mädchen von reizender Züchtigkeit; als schwächeres Seitenstück kann das Fragment einer Jünglingsgestalt in Richmond gelten. Von der entwickel- ten attischen Knnst schönsten Stils ist ein grandioses über- lebensgrosses Beispiel in Lowther Castle vorhanden, ein zwei- tes, leider nur noch ein Frauenkopf, aber ein prachtvoller, in Lansdownehouse ; beide Fragmente können es mit den besten in Griechenland vorhandenen Exemplaren aufnehmen und übertreffen die meisten. Auch das britische Museum besitzt ein paar ausgezeichnete Stücke, wie den sitzenden Xanthippos, einen schönen überlebensgrossen Epheben , welchem ein ähn- liches Stück aus späterer Zeit (Tryphon) zu interessantem Vergleiche dient; ferner eine recht bedeutende Anzahl mar- morner Reliefvasen, deren sich auch in Cambridge, Brocklesby Park und Marbury Hall finden. Als interessant lässt sich das sogenannte Homerrelief in Lansdownehouse hervorheben, mehr um des Gegenstandes als um des Stiles willen. Endlich sind unter den Grabreliefs gewöhnlicherer Art doch einige sowohl durch ihre vortreffliche Erhaltung, wie durch ihren verhältniss- mässig guten Stil bemerkenswerth; so zwei Reliefs in Oxford, zwei in Richmond, eines in Ince-Blundell-Hall, eines in Low- ther Castle; der Gegenstand verleiht auch einigen der Reliefs in Rokeby Hall ein besonderes Interesse.

Weit einfacher als in England gestaltete sich die Auf- gabe in Holland. Abgesehen von einem einzigen Stück in Utrecht, welches ich nicht selbst gesehen habe, von dem mir aber eine Photographie in Aussicht gestellt worden ist, kommt nur Leiden in Betracht, wo das Museum van Oudheden eine verhältnissmässig reiche Sammlung einschlägiger Denk- mäler besitzt. Diese stammen meistens aus der in Griechenland und Kleinasien gebildeten Sammlung des Obersten Rottiers; die bedeutendsten sind in Janssens ,grieksche en rom ein- sehe Grafreliefs' (Leyden, 1851) gegenständlich getreu, aber stilistisch überaus traurig abgebildet. Dass sämmtliche Stücke von Neuem photographirt werden durften, wird der liberalen Erlaubniss des Vorstandes, Herrn Leemans verdankt, wo- neben ich auch dem Conservator Herrn Pleyte für freund- lichen Rath zum Danke verpflichtet bin. Unter den 38 Stücken sind zwei von hervorragendem Werth, die grosse wohlerhaltene

26 Conze. Ueber die Gesammtausgabe der griechiBcben Grabreliefs.

Giebelstole der Archestrate inid ein künstlerisch nocli höher stehendes Relief, welches einen Epheben mit einem Vögelcheu in der Hand darstellt, ein Werk von überaus feiner Relief- behandlung und zarter Empfindung, das daher auch als Muster dieser Gattung in den , Denkmälern der alten Kunst' (I, 29, 127) Aufnahme gefunden hat. Aber auch sonst besitzt das Museum mehrere bald stilistisch, bald wegen des Gegenstandes, bald wegen der Erhaltung bemerkenswerthe Stücke, z. B. drei attische Marmorvasen mit Flachreliefs, zwei ansprechende Kindergrabsteine, von denen einer überdies wegen eines Herm- herakles im Felde Beachtung verdient, zwei sogenannte Todten- mahle, deren eines oberhalb der Hauptscene fünf flacher ge- haltene Nebenvorstellungen in fensterartigen Quadraten auf- weist, das andere durch seine Inschrift [Z-/]v]62o-:oc 'AvriaXx.Bou Trp'jTaveutov to Seutepov y.al o'. Tuapa-pjiavsi? Tr/taoY] Interesse erregt. Den Grabreliefs nahe verwandt ist endlich eine Grabplatte, auf welcher in leidlich erhaltenen Farben eine Abschiedscene gemalt ist, ganz in der Weise der entsprechenden Reliefs, jedoch mit einigen bemerkenswerthen Variationen , die eine ziemlich starke sachliche Aehnlichkeit mit dem sogenannten ,Leukothea'- relief der Villa Albani bewirken.

Die 39 Reliefs in Holland ergeben zusammen mit den 235 in England eine Gesammtzahl von 274 Stück."

So weit Michaelis.

Schneller als man anfangs für ausführbar halten durfte, haben wir einen grossen Theil des ganzen vorhandenen Vor- rjiths von griechischen Grabreliefs in besonders verlässlicher Gestalt bereits in unsern Ililnden. Möge es auch für das Uebrige an willigen Helfern nicht fehlen , damit namentlich von den so vielfach vereinzelt zerstreuten Exemplaren uns nicht allzuviel und möglichst Nichts sehr Wichtiges entgehe. Alle, die mit Hand anlegen, Nachrichten, Beschreibungen, Zeichnungen, Photographien oder Papierabklatsche dei- Aka- demie einsenden wollen, werden nicht nur unsern Dank, son- dern das Verdienst und die Freude sich erwerben, zu einer Arbeit beigesteuert zu haben, die eine bisher noch nicht in recht vollem Strome ttiessende Quelle der Kenntniss griechi- scher Art und Kunst ganz eröffnen soll.

IL SITZUNG VOM 14. JANUAR.

Die Classe beschäftigt sich mit den Angelegenheiteu der Grillparzerpreisstiftung.

An Druckschriften wurden vorgelegt:

Academie Royale de Copenhague: Memoires, Classe des Lettres. Vol. IV.

Nrs. 8— 9. Copenhague, 1872 & 1873; 40.; Classe des Sciences. Vol. IX.

Nrs. 8— 9; Vol. X., Nrs. 1— 2. Copenliague, 1872 & 1873; 4«. Oversigt.

1872, Nr. 2. Kjebenhavn; 8^. Snorre Sturlassöns Historieskrivning,

en kritisk undersögelse, af Gustav Storni. Kjebenhavn, 1873; 8". Alpen-Verein, österr. : Jahrbuch. 6. Band. "Wien, 1870; 8". Institute, The Anthropological, of Great Britain and Ireland: Journal,

Vol. III., Nr. 1. London, 1873; 80. Jahrbuch, Militär-statistisclies, für das Jahr 1871. I. Theil. Wien, 1873; 40. Lese- Verein, akademischer, an der k. k. Universität und steierm.

landsch. technischen Hochschule in Graz: VI. Jahresbericht. Graz, 1873 ; 8^'. Oesterreicher, T. Ritter von, Die österreichische Küstenaufnahme im

Adriatischen Meere. Triest, 1873; 80. Paus tenograp hikon. Zeitschrift für Kunde der stenograj)hischen Systeme

aller Nationen. I. Band, 3. u. 4. Liferung. Nebst Beilage: Notae liemensen.

Dresden, 1874; 80 und Folio. R/ijendraläla Mitra, Notices of Sanskrit Mss. Nr. VI. Vol. II., Part. 3.

Calcutta, 1873; 80. ,Revne politique et litteraire' et , Revue scientifique de la France et de

Fetranger'. III« Annee, 2"'« Serie. Nr. 28. Paris, 1874; 4". Verein der fünf Orte Lucern, Uri, Schwyz, Unterwaiden und Zug: Der

Geschichtsfreund. XXVIII. Band. Einsiedein, New-York und Cincinnati,

1873; 80. Würzburg, Universität: Akademische Gelegenheitsschriften aus den .lalircu

1870—1873. 40 und 8«.

28

111. SITZUNG VOM 21. JANUAR.

Der Vorstand der kais, Hofbibliothek Herr Hofrath Dr. Birk leg-t das druckfertige Manuscript des VH. Bandes der Tabulae codicuni manuscriptorum, welcher die Beschreibung der Handschriften Nr. 11501 14000 umfasst, vor und ersucht um die Bewilligung der Drucklegung.

Dem w. M. Herrn Professor Miklosich wird eine Sub- vention bewilligt zur Herausgabe des IV. Bandes seiner ,Ver- gleichenden (jrammatik der slavischen Sprachen'.

An Druckschriften wurden vorgelegt:

Accademia Poiitificia de' Nuovi Lincei: Atti. Anno XXVI, Sess. 7».

Roma, 1873; 4«. G ei! ellschaft, k. k. greographische, in Wien: Mittheiliuigen. Band XVI.

(neuer Folge VI.), Nr. 12. Wien, 1873; 80. Giessen, Universität: Akademische Gelegenheitsscliriften ans dem .Jahre

1873. 4" und 8". Kasan, Universität: Bulletin et Memoires. 1872; 1873, Nrs. 2—3. Kasan,

1873; 80. Kiel, Universität: Schriften vom Jahre 1872. Band XIX. Kiel, 1873; 4». Mittheilungen aus J. Perthes' geographischer An.stalt. 20. Band, 1874,

I. Heft. Gotha; 4». Programm, XXIV., des k. k. Staats- Gymnasiums zu Innsbruck. 1873.

Innsbruck; 4*^. Revista de Portugal e Brazil. Nr. 6. Lisboa, 1873; 4«. ,Revue politique et litteraire' et ,Revue scientifique de la France et de

l'etranger'. III« Annee, Serie, Nr. 29. Paris, 1874; 40. Society, The Royal, of Victoria: Progress Reports and Final Report of the

Exploration Cominittcc. Melbourne, 1863; 4''. Turkestanof f, Nicolas, Abgekürzter Kalender auf tausend Jahre. 900 1900.

St. Petersburg, 1868; 4«. Verein, siebenbürgischer, für romanische Literatur und Cultur des romani- schen Volkes. Anulu VI, Nr. 23—24; Anulu VII, Nr. 1—2. Kronstadt,

1873/74; V\ Weis, Odoardo, Meute e cuure. Organo per Tincremento dell' i.struzione

poiK)lare. Anno I., Nr. 1. Trieste, 1874; 80.

SITZUNGSBERICHTE

DER

KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN

PHILOSOPHISCH-HLSTOKISCHE CLASSE.

LXXVI. BAND. II. HEFT.

JAHRGANG 1874. FEBRUAR.

IV. SITZUNG VOM 4. FEBRUAR.

Die Universität von Madrid sendet einige Bände der Revista de la Universidad de Madrid und ersucht um Schriften- tausch nnt der k. Akademie.

Herr Regierungsrath p. von Wurzbach legt den im Druck vollendeten XX VI. Band des von ihm mit Unter- stützung der k. Akademie herausgegebenen ^biographischen Lexikons des Kaiserthums Oesterreich' vor.

Der Referent der historischen Commission, Herr kais. Rath Fiedler, legt eine von dem \v. Mitgl. Herrn Professor Jaeger in Innsbruck eingesendete Abhandlung vor unter dem Titel : jDer Uebergang Tirols von dem Erzherzog Sigmund an den römischen König Maximilian (1478 1490)'.

32

An Druckschriften wurden vorgelegt:

Akademie der Wissenschaften, Königl. Preuss., zu Berlin: Monatsbericht.

November 1873. Berlin; 8«. Königl. Bayer., zu München: Abhandlungen der historischen Classe.

XII. Bandes 1. Abtlieilung; Abhandlungen der philos.-philolog. Classe.

XIII. Bandes 1. Abtheilung; Abhandlungen der mathem.-physikal. Classe. XI. Bandes 2. Abtheilung, (Nebst den betreffenden Separatabdrücken.) München, 1873; 4».

Ateneo Veneto: Atti, Serie II. Vol. XI, Punt. 1. Venezia, 1873; 8». Catalogus codicum manu scriptorum Bihliolhecae Eegiae Monacensis. Tomi /•"*

Pars W" et IIl"" {1866); Tomi IJI'", Pars /'««, IF" et III'^" {1868,

1871 & 1873); Tomi IV' Pars 7" {1874J ; Tomus V. (1866); Tomus VI.

(1866); Tomus VII. (1858). Monachii; S". Gesellschaft der Wissenschaften, k. böhm., zu Prag: Sitzungsberichte.

Nr. 7. 1873. Prag; 8". Institut National Genevois: Bulletin. Tome XVIII. Geneve, 1873; 8". Istituto, R., Veneto di Scienze, Lettere edArti: Atti. Tomo 11°, Serie IV»,

disp. 9*— 10»; Tomo 111°, Serie IV% disp. 1». Venezia, 1872/73 & 1873/74 ; 8". Jahresbericht des k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht für 1873.

Wien, 1874; 40. Madrid, Universität: Kevista. Epoca. Tomo I. Nr. 1—4, 6; Tomo II.,

Nr. 1—2. Madrid, 1873; gr. 80. Revista de Portugal e Brazil. Nr. 8 Janero de 1874. Lisboa; 4". ,Revue politique et litteraire' et ,Revue scientitique de la France et de

l'etranger'. IIP Annee, 2"« Serie, Nrs. 30—31. Paris, 1874; 4". Society, The Royal Geographical: Proceedings. Vol. XVIII. Nr. 1.

London, 1874; 8».

V. SITZUNG VOM 11. FEBEUAK.

Der Vicepräsident gedenkt des Ablebens des ausw. corr. Mitrrliedes der kais. Akademie, Professor Moriz Haupt in Berlin, welcher am 5. Februar d. J. starb.

Die Mitglieder erheben sich zum Zeichen des Beileids von ihren Sitzen.

33

Der tSecretär leg't den von dem corr. Mitgl. Freilierni von Czoernig-, k. k. wirklichem Geheimenratlie, eingesendeten 2. Band seines Werkes übei- Görz und Aquileia vor, und ver- liest das Begleitschreiben des Verfassers.

Das w. Mitglied Freih. v. Sacken legt eine Abhandlung vor: über ein neues Militärdiplom von Kaiser Elagabalus.

Herr Dr. A d. H o r a w i tz ersucht um Abdruck einer kleinen Sammlung ungedruckter Briefe und anderer Inedita Melanchthons

in den Sitzungsbei'ichten.

An Druckschriften wurden vorgelegt:

Czoernip^, Carl Freilierr von, Die Stadt Görz zimäclist als klimatischer

Curort. Wien, 1874; 8«. Gen oot. schaj), Bataviaasch, van Knnsten en Wetenscliappen: Tijdsclirift.

Deel XX. (Zevende Serie. Deel I.) Aflev. 4—6. Hatavia, 's Hage, 1872 en

187.3; 8". Notnlen. Deel X. 1872, Nr. 4; Deel XI. 1873, Nr. 1. Batavia,

1873; 80. Alj)liabetisclie lijst van lanrl-, zee-, rivier-, wind-, storm- en

andere kaarten. Batavia, 's Hage, 1873; 8". Geschichte der Wissenschaften in Deutschland. Neuere Zeit. X. Band.

2. II. 3. Abthlg. Entwickelung der Chemie von Hermann Kopp. 2. u. 3.

Ahthlg. München, 1873; 8". Gesellschaft, Schlesische, für vaterländi.sche Ciiltur: Abhandlungen der

]ihilos.-liistor. Abtheilung. 1872/73; Abhandhuigen für Naturwissenschaften

und Medicin. 1872/73. Breslau, 1873; 8". L. Jahres-Bericht. Breslau,

1873; 8«. Deutsche Morgenländische: Zeitschrift. XXVII, Band, 4. Heft. Leipzig,

1873; 80. Institiuit, koningl., voor de taal-, land- en volkenkunde van Nederlaiulsch-

Indie: Bijdragen. III. Volgreeks. VIII. Deel. 2. Stuk. 'S (Jraveuhage,

1873; 80.

Sitzuagsber. d. phil.-List. Cl. LXXVF. l'.d. II. litt. 3

34

, Revue politique et litteraire' et ,Revue acientifique de la France et de l'etran^er'. III« Ann6e, Serie, Nr. 32. Paris, 1874; 40.

Verein, histor., für Niedersachsen: Zeitschrift. Jahrgang 1872. Hannover, 1873; 80.

Sackeu. Ueber eiu neues Militärdiplom vou Kaiser Elagabalus. OD

t

lieber ein neues Militärdiplom von Kaiser Elagabalus.

(Mit '2 Zinkog-raphieu.) Von

Dr. E. Freih. von Sacken,

wirkl. Mitgliede der k. Akademie der Wissenschaften.

Der Wiener Arzt Herr Dr. M. E. Weiser benützte seineu läng-eren Aufenthalt in Thracien zu einer genauen Untersuchung der zahlreich dort vorfindigen Tumuli, die sich als Gräber mit Skeletten erwiesen und eine erhebliche Anzahl, theils spät römischer Gegenstände (darunter Münzen aus dem IV. Jahr- hundert), theils einheimischer, barbarischer Erzeugnisse (dar- unter sehr roh gearbeitete Thonfiguren und Gefässe eigen- thümlicher Form) ergaben.' Nebstbei sammelte Dr. Weiser auch andere Alterthümer, die ausserhalb der Tumuli ausgegra- ben wurden. Unter den letzteren befand sich die eine Hälfte eines römischen Militärdiplomes, glücklicherweise die Avich- tigere mit dem vollständigen Texte, dessen Fundort genau bekannt ist, nämlich ein in seineu Trümmern noch ganz wohl erkennbares römisches Castell, an den ntirdlichen Ausläufern des Khodope-Gebirgszuges, zwischen den Dörfern Karatsch und Sarnitsch, drei Stunden südöstlich von Chaskioj gelegen, acht deutsche Meilen östlich von Philippopel. Die Anlage des Ga- stelles an dieser Stelle erklärt sich aus dem Schutze, den es dem Thale des Hebrus, das sich hier verengt, gewähren konnte. Die Bronzetafel soll in den Maueranwurf fest eingelassen ge- wesen sein und war vereinzelt ohne sonstige Gegenstände in

1 Ein Theil der Fundobjccte befindet sicli als Gcsclienk des Finders im k. k. Antikencabiuete.

3*

36

Sacken.

nächster IJmg-ebung. Ihre Höhe beträgt 14 Cent, bei 11 Cent. Breite; die linke Ecke, welche den Namen des Kaisers ent-

Fig. 1.

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COH-lIII^PtANTONlNIANA-PV. f^££PTliAIO#F!LVLP'Miim(0

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liielt, wurde sichtlich sclion in alter Zeit mit einem scharfen Instrumente wogg-eschlagen , man erkennt deutlich die, wahr- scheinlich mit einer Axt, wiederholt und nicht sicher geführten

lieber ein neues Militärdiplom von Kaiser Elagabalua.

37

Hiebe , <lie Brucilflilclien sind mit Patiuji überzogen. Der Sprung aber, welcher vua der ausgeschlagenen Ecke ausgehend, den oberen Tlieii der Tafel abtrennt, entstand erst in neuerer Zeit in t'ulge von Gussi'ehlern und luiganzen Stellen in der äletalltafel. Beide Seiten sind beschrieben und zwar, wie go-

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wohnlich, die eine der Breite der Tafel nach mit soi'i^faltig gravirtcn Buchstal)en, die andere nach ihrer Läng-e in tiüchtig eingehauener Schritt. Erstere erscheint sonach als die Aussen- seite der ersten Tafel des ganzen Diplomes, letztere als deren Innenseite. Unter Fig. 1 und 2 werden beide in Facsimilc gegeben.

3g Sacken.

Das fehlende Stück dei- Inschrift auf der Aiissenseite ist mit Zuhülfenahnie der Innenseite und nach verwandten Denk- mälern, die hier unbedenklich als Parallelen beizuziehen sind, zu ergänzen, wie Fig. o zeigt, wobei die feinen Buchstaben sich aus der flüchtig geschriebenen Innenseite ergeben , die punktirten auf Combination beruhen.

Fig. 3. IM? CAES . DIVX ANTONINI . MAONI . PII AVG . FIL i DIVX . HE V ERI . ? 1 1 . NEPOS 2

M . AVRELIVS . Al-ITONINVS . PIVS . FELIX . AVG' 3

S A C E R D 0 S . AM FIJSS1MV8 . DEI . IN VICTI . SOLIS 4

ELAGABALl.PONT.MAX.TRIB.POT.IIII.COS.III.P.P 0 N 0 M I N A . M 1 L I T VM . Q VI MEITAVERVNT . IN CO e

RORTIB V S PRÄETOEIS . ANTONINIANLS . DECEM 7

I . II . III . IUI . V . VI . VII . VIII .Villi . X . PIIS . VINDICIBUS «

etc.

Somit ist der vollständige Inhalt des Diplomes folgender:

Imperator Caesar Divi Antonini magni pii Augusti filius j| Di vi Severi pii nepos |j Marcus Aurelius Antoninus pius felix Augustus II sacerdos amplissimus Dei invicti Solls || Elagabali pontifex maximus tribunicia potestate IV, Consul III pater patriae |i nomina militum qui militaverunt in cohortibus prae- toriis antoninianis decem jj I. IL III. IV. V. VE. VII. VIII. IX. X. piis vindicibus H qui pie et fortiter militia functi sunt jus i| tribui connubii dumtaxat cum singulis et | primis uxoribus ut etiam si peregrini juris feminas in matrimonio suo jun- xerint proinde liberos tollant | ac si ex duobus civibus romanis natos I ante diem septimum idus januarias || Cajo Vettio Orato et II Marco Vitellio Seleuco consulibus [| Cohors quarta praetoria Antoniniana pia vindex || Marco Septimio Marci filio Ulpia Maetico Triraontio.

Descriptum et recognitum ex tabula aerea quae fixa est [| Romae in muro post templum divi Augusti ad Miner || vam.

Der Text der Innenseite zeigt von dem der äusseren Hauptseite einige kleine Abweichungen ; der mit dem Ein- schlagen desselben Betraute ging sehr flüchtig zu Werke und man sieht, dass ihm während der Arbeit immer mehr die Ge- duld ausging. Nobst einigen Schreibfehlern (Antonianis statt Antonini;niis. pis statt piis, juxerint statt junxerintj und Aus-

Ueber ein ueues Militärdiplora von Kaiser Elagabalus. Öü

lassungen (et fortiter, nach dumtaxat das Wort cum) passii-te es ilim, dass er statt qni militia functi sunt oder wie er beab- sichtig-te quibus militia fuuctis zu schreiben, statt des ersten Wortes noch einmal das früher vorkommende militaverunt wiederholte und functis beifüg-te, was natürlich keinen Sinn hat. Nach conub, worauf in allen prätorianischen Diplomen, wie auch hier auf der Aussenseite, dumtaxat folgt, steht ein längeres Wort, dessen Bedeutung zu entziffern mir nicht gelang ; es ist im Facsimile Fig. 2 ganz genau dem Originale nach- gebildet.

Dass das Diplom von Elagabal ausgestellt sei, geht aus der nach der Innenseite ergänzten vierten und fünften Zeile hervor, in welcher sich der Kaiser Oberpriester des Sonnen- gottes Elagabalus nennt. Der berüchtigte Vetter Caracallas, Sohn von dessen Nichte Soaemias, Varius Avitus Bassianus, diente schon als Knabe in der syrischen, am Orontes gelegenen Stadt Emesa dem syrisch-phönizischen Sonnen- (der Etymologie nach Berg-) Gotte Elagabal als Priester. ^ Der Cult dieses Gottes, welcher auch als Schutzgott von Gabala, mit welchem Namen die Stadt Byblus im alten Testamente bezeichnet wird, verehrt wurde, -^ war mit Musik, Tänzen und Orgien verbunden, wobei auch Opfer von Menschen, besonders von Knaben, ge- bracht wurden. ■' Der Tempel war auf einem Berge gelegen. * Bassianus wurde als Oberpriester wegen seiner Schönheit und der Pracht des Aufzuges von den Soldaten abgöttisch verehrt und nachdem er von ihnen zum Kaiser ausgerufen worden war (218 n. Chr.), führte er den Cult seines Gottes im ganzen römischen Reiche ein. Er brachte dessen Bild nach Rom, wo es in einem auf dem Palatin erbauten Tempel mit der gröss- ten Pracht verehrt wurde imd den Mittelpunkt des gesammten religiösen Cultes bilden sollte. ^ Alljährlich zur Sonnenwende- zeit führte er es in feierlichem Festzuge in einen zweiten dem Gotte in Rom erbauten Tempel, was auf einer Goldmünze des

' Herodianns, V, 3.

2 Scaliger. Animadv. iu chronolog. Euseb. p. 231.

3 Lampridius, Anton. Heliogab. S. Dio Caasius, LXXIX, 11.

^ Salma.s. zu Vopiscus, Aurelianus, 25 citirt die betreffenden Verse

des Avienns. ^ Lamprid. 3.

40 Sacken.

Jahres 221 dargestellt erscheint mit der Umschrift: SANGT DEO SOLI RLAGABAL. Das Bild des Gottes bestand aber nach Herodian's Beschreibung- in einem grossen, schwarzen, angeblich vom Himmel (befallenen Steine von konischer Form ; der Pomp des Festzuges überbot alles Ahnliche, Den von Gold und Edelsteinen strotzenden Wagen, auf welchem der Meteorit lag, zogen sechs reich geschmückte, makellos weisse Pferde; der Kaiser schritt voran , aber nach rückwärts , das Gesicht unverwandt dem Gotte zugekehrt; damit er nicht falle, war der Weg mit goldigem Saude bestreut. Bei den Opfern flössen das Blut der Stierhekatomben und zahllosen Schafe und der ausgegossene Wein in Strömen. '

Nach diesem seinen Lieblingsgotte, dessen Dienst er sein ganzes Leben widmete, benannte sich der Kaiser; auf Münzen nennt er sich Invictus oder summus sacerdos Dei Solis Ela- gabali. Amplissimus Sacerdos kommt auf dem Bruchstücke eines von ihm mit seinem xVdoptivsohne Severus Alexander im Jahre 222 ausgestellten Militärdiplomes vor. - Kein anderer Kaiser legte sich diesen Titel bei und der von ihm mit sol- chem Eifer eingeführte Cult des Elagabal kam unter seinen Nachfolgern in Verfall, bis ihn Aurelianus wieder aufnahm, ^

In der ersten Zeile unseres Diplomes nennt sich Elaga- balus Sohn des grossen Antoninus, nämlich des Caracalla. Der Name Antoninus hatte noch von den glänzenden Zeiten des ersten Kaisers dieses Namens und von dem siegreichen Marc Aurel her einen überaus guten Klang, namentlich bei den Sol- daten; auch Caracalla, der sich denselben beigelegt hatte, trug durch seine Popularität bei den Letzteren zum Ausehen dieses Namens bei. Man glaubte an ihn den Bestand des Reiches ge- knüpft und als Macrinus nach der Ermordung Caracallas mit seinem Sohne Diadumenus zum Kaiser ausgerufen wurde, sah er sich genöthigt, seinem Sohne eiligst diesen Namen beizu- legen und ihn also dem Heere vorzustellen. „lutelligo, deside- rium ingens Antonini nominis apud vos mauere"' sagte er in

' Herodian., V, c. 6.

2 liaucli flr Vesmc in dtii Atti dcll' accacl. delle scienze di Torino 18f59,

Vnt. IV, 6-JO. Corpus iiiscr. lat. III, 2, p. 81)2. ' Fl. VnpiacuH, Aurelianus 25, 35, .S9.

Ueber ein neue^ Militärdiplum von Kaiser Kliigabahi». 41

seiner Anrede und die ganze Versaninilung- jubelte seinem Soline zu: j.Antoninum habemus, omnia liabcmus; Antoniuuni nobis dii (Icderunt patrem; Antouinus dig-nus imperio". '

Aber bei Elagabal war der Name nicht wie beim Sohne des Septimius Scverus oder bei Diadumenus, bloss ein talsch- lich arrogirter, 2 sondern insoferue gerechtfertigter, als er ein Blutsverwandter des Antoninus benannten Bassianus Caracalla war. -^ Seine Grossnuitter, Julia Maesa, war die Schwester der Julia Domna, Mutter des Letztgenannten, er selbst ein Sohn der iVIuhme (Jaracallas Soaemias mit dem aus Apamea gebür- tigen Varius Marcellus. ■• Allein Maesa, die von Macrinus nach ihrer Heimath Emesa verbannt war, aber das Leben am römi- schen Hofe nicht vergessen konnte, und auf jede Art wieder zu Macht und Ansehen zu gelangen strebte, wusste das Gerücht zu verbreiten, ihr Enkel sei die Frucht eines Liebesverhält- nisses Caracallas mit dessen Mtdime Soaemias, ihrer Tochter. Durch Bestechung brachte sie die ohnehin durch des jugend- lichen Elagabal glänzende Erscheinung gewonnenen Soldaten dahin, dass er mit ihr in das Lager aufgenommen und zum Kaiser ausgerufen wurde; „sie begrüssten ihn/' sagt Herodi- anus, •' „als Antoninus uud bekleideten ihn mit dem Purpur". Sofort nahm der Knabe den Namen an und nachdem Macrinus durch den Verrath seiner eigenen Soldaten uud durch Feig- heit umgekommen war, nannte er sich in seinem Siegesberichte an den Senat ohne Scheu: Imperator, Caesar, Antonini filius, Severi nepos, pius felix Augustus, Proconsul, tribunus plcbis. '■

Der Titel pius felix Augustus erscheint unter den Militär- diplomen zuei'st auf dem Caracallas vom Jahre 216, ^ von da ab auf den späteren constant.

' Laraprid. Antoii. Dijuluiuenu.s, 1.

- Die Selbstadoptionen, durch genehm klingende Titel ausgedrückt, gingen oft etwas weit; so nannte sicli der Afrikaner Septimius Scverus: Divi Marci pii filius, Divi Commodi frater, Divi Antonini pii nepos, Divi lia- driani pronepos etc. Gruter CL. 5. Eckhcl, D. N. VII, 173.

^ Lamprid., Heliogab., '6.

^ Dio Cass. LXXVIII, 30.

5 L. V, c. 4.

'5 Dio LXXVIII, :iO, LXXIX, -2. Ilerod. V, 3. Vgl. die Act<i fratrum Arvalium, Marini, Atti I, p. C'LXIII; Orclli, 22GS.

'• Mommsen im Corp. inscript. lat. HI, 2, p. 891 (XLIX).

42 Sacken.

Der Beiname Magnus für Caracalla kommt auf Münzen und Inschriften vor. ' So nennen sich Elag-abahis und Alexan- der Severus Söhne Antonin's des Grossen auf den beiden Meilen- steinen von Steinbach - und in ähnlicher Weise heisst Letzterer auf dem Neapolitaner Militärdiplome vom Jahre 230 Divi An- tonini magni filius. ^

Gerade nur der Name des Kaisers erscheint bei unserem Diplome mit Absicht gewaltsam weggeschlagen, nicht aber der ganze Obertheil der Tafel, so dass die Titulaturen stehen blie- ben. Es miiss diess seinen Grund gehabt haben und dieser ist ohne Zweifel darin zu suchen, dass nach der grässlichen Er- mordung des verhassten Elagabal, dessen Name durch Senats- beschluss ausgetilgt wurde, ■* was das Vernichten des Namens auf den öffentlichen Monumenten zur Folge hatte. So schlug auch der Besitzer des Militärdiplomes den Namen des verach- teten Kaisers mit scharfem Werkzeuge weg. Ein wahrschein- lich in ähnlicher Absicht abgebrochenes Stück ist das Frag- ment in Monza vom Jahre 222, welches so wie das von unserem fehlende nur den Namen Elagabal's und zum Theil auch den seines Adoptivsohnes Severus Alexander enthält. ^ Die innere Hauptseite lautet :

IMP CAES DIV (i Antonini magni) FIL . DIVI . SEV feri nepos) M . AVRELIVS AN (toninus p. f. Aug. Sacer) DOS.AMPLISSI (mus Dei invicti Solis Elagaba) LI . PONTIF . MAX (tr. pot. V. Cos IV p. p. et) IMP . CAES . M. AV (relii Antonini f. Divi Antonini) MAGNI . NEP (os Divi Severi pronepos, M. Au) relius ALEX (ander) ...

Auch in der Grösse stimmt dieses Bruchstück mit dem herausgeschlagenen Stücke unseres Diplomes fast genau über-

' Eckhel, D. N. VII, 219. Orelli, 948, 949. 2 Hist. de l'acad. des inscript. XXI, 70, 71. ' Avellino, Opuscoli diversi, III, 178. * Lampridiiis, Helio«;. 17, 18.

'•> Baiidi de Vesme in den Atti dell' accaderaia delle scienze di Torino 1869, IV, 620. M..mnison, p. 892, L.

4ty

ein. In den Inschriften von Palermo ' und Walwick Chester - scheint auch der Name absichtlich ausgetilgt zu sein ; dasselbe ist der Fall in der Mörtelinschrift der siebenten Wächtercohorte zu Rom. 3

Die vierte tribunicische Gewalt Elagabals, welche unser Diplom anzeigt, fällt in das Jahr d. St, 974 = 221 n. Chr. Denn er nimmt gleich nach dem Siege über Macrinus am 8. Juni 218 die tribunicia potestas an und da diese Würde seit Trajan, oder doch sicher seit Antoniuus pius immer am 1. Januar erneuert, das erste Regierungsjahr aber als voll ge- rechnet wurde, ^ so beginnt die vierte tribunicia potestas Ela- gabals mit dem Jahre 221. Es stimmt diess auch mit der Angabe der Consuln Gratus und Seleucus überein, welche in dem genannten Jahre die Consulwürde bekleideten. Der Tag der Ausstellung des Diplomes ist also der 7. Januar 221. Das oben erwähnte Fragment von Monza gehörte aller Wahrschein- lichkeit nach zu einem Prätorianerdiplome, das, weil schon der Adoptivsohn Elagabals und zwar mit dem Titel Imperator mit aufgeführt erscheint, gerade ein Jahr später, fast genau zwei Monate vor der Ermordung Elagabals (4. oder 5. März 222) auso-estellt worden sein muss.

Nach dem Kopfe der Urkunde, welcher die ganze Titu- latur des Kaisers enthält, folgt der Text, in der für Diplome, welche Prätorianern oder Soldaten der städtischen Gehörten verliehen wurden, charakteristischen Stylisirung. Für solche musste schon aus dem Grunde eine andere Fassung eintreten, als für die Diplome der Legionäre und Auxiliarsoldaten, weil die Prätorianer römische Bürger waren, daher die bei ersteren übliche Verleihung des Jus civitatis entfällt. Ferner wird diesen keine honesta missio ertheilt, denn es waren eben Veteranen, denen das Connubium ertheilt wurde; es wird sonach nur ihres braven und tapferen Dienens gedacht, ohne Angabe der voll- endeten Dienstjahre. Eine weitere Eigenthümlichkeit der Prä- torianer-Diplome besteht darin , dass die Anerkennung der gesetzlichen Ehe ausdrücklich auf die erste Frau (nämlich

> Orelli, 948.

2 Bull, deir inst. 1851, 75.

3 Ib. 1867, 14.

^ Mommsen, Rom. Staatsrecht II, 501. Eckhel, D N. VIII. 414.

44 Saukuu.

nach dem Abschiede) und das Bürgerrecht nur auf deren Kin- der beschränkt wird, aber auch in dem besonders hervorgeho- benen Falle, dass diese Frau pereg-rini juris war; die Kinder sollten auch dann so angesehen werden, als wenn beide Eltern römische Bürger wäi-en. Die Auxiliarsoldaten erhielten das Bürgerrecht für die Kinder der Frau, mit der sie eben in ma- trimonium oder, wie es später heisst, in „concessa consuetudine" lebten, ' wenn diese eine römische Bürgerin war, ja die Ledigen sogar für die einer zukünftigen Frau. Erst durch das jus con- nubii wurden die Kinder der bürgerlichen Stellung und staats- rechtlichen Anerkennung theilhaftig, justi liberi et heredes, während die in inatrimonio erzeugten der Mutter folgten.

Was die eigentliche Stylisirung anbelangt, so unterschei- den sich die Prätorianer- und Stadtcohorten-Diplome von den übrigen dadurch, dass in jenen der Kaiser nach Art der Edicte in der ersten Person spricht, in diesen w'ie bei den Leges in der dritten Person.

Selbstverständlich sind bei der geringen Anzahl der Garde- soldaten die solchen ertheilten Heiratsbewilligungen weit sel- tener. Unter den 58 bisher bekannten Militärdiplomen sind nur acht an Prätorianer verliehene, darunter zwei kleine Fragmente, von denen das eine, d, als Prätorianer-Diplom nicht ganz sicher ist. Das unserige ist sonach das neunte. Sie sind von folgenden Kaisern :

a) Vespasianus v. J. 76 (Kenner in den Mittli. d. k. k. Central-Commission z. Erforsch, u. Erhalt, d. Baudenk- male, XIV, 125. Mommsen, p. 853, X.). Gefunden in Ku- stendje, jetzt im kais. Antikencabinete zu Wien.

b) Marcus Aurelius und Lucius Verus (Cardinali, Dipl. mil. p. 231. Mommsen, p. 889, XLVIL). Gef. zu Chieti. Fragment.

c) Septimius Severus und Caracalla, v. J. 208 (Car- dinali, p. 250. Mommsen, p. 800, XLVIIL). Gef. zu Mantua und noch daselbst.

d) Elagabahis und Severus Alexander v. .1. 222 ^Baudi de Vesme, a. a. O. Mommsen, p. 892, L.). Zu Monza.

l>i|tlorii<' VMii riiilipims iiinl Dcoiiis, Moniinsen. p. SOG, 898.

Üeber ein neues Militärdiplom von Kaiser Elagabalns. 45

e) Gordianus v. J. 243. (Cardinali, p. 271- Momm- sen, p. 894, LIL). Gef. zu Lyon.

f) Philippus Vater und Sohn, v. J. 248 (Thiersch, 1. Jaliresber. d. baier. Akad. d. Wiss. 1827, S. 24. Mommsen, p. 897, LIV.). Gef. zu Mautua, jetzt in München.

g-) Diocletian und Mitregenten, v. J. 298 (Monimsen, p. 900, LVII.). Gef. zu Torre d'Agnazzo, jetzt in Neapel. Fragment.

h) Dieselben v. 301—305 (Mommsen, p. 900, I.VIII.) Gef. zu Avellino. Kleines Bruchstück.

Wegen der verwandten Stjlisirung ist noch das einem Soldaten der 10. städtischen Cohorte verliehene Diplom an- zuführen : 1

i) Caracalla v. J. 216 (Mommsen, p. 891, XLIX.). Gef. zu Faenza, jetzt in Rom.

Damit der Text einen richtigen Sinn gebe, sollte nach Nomina militum folgen : Subjeci, wie in a) und i) ; indess fehlt dieses Wort auch in c), e) und f); b) hat subjecimus.

Prätorianer-Cohorten waren anfangs neun, ^ Vitellius ver- mehrte sie auf sechszehn, welche Einrichtung jedoch nur kurze Zeit bestand, denn Tinter Vespasian finden wir, wie das Diplom a bezeugt, neun Cohorten. Die Errichtung der zehnten fällt wahrscheinlich in die Zeit Trajans; sie bestand schon im Jahre 112. Unter den Diplomen kommt diese Zahl zuerst auf dem Marc Aureis und L. Verus von 161 (b) und von da an con- stant vor (c, e, f). Die überflüssige Aufzählung der Nummern I X ist den jüngeren Diplomen eigen thiimlich. Sie heissen nach dem Kaiser Antoninianae, wie auf unserer Tafel (so auch die IV cohortes urbanae auf i), Gordianae (e), -Philippianae (f), Maximianae (g) und immer piae vindices. Statt: qui-militia functi sunt heisst es im Diplom Vespasians (a) quibus militia functis, in dem für die Stadtcohorten von Caracalla (i) in militia functi sunt.

Der 7. Januar scheint in der späteren Zeit der Tag für die Publication der Prätorianer-Diplome gewesen zu sein ; os haben ihn auch die des Gordianus, Philippus und Diocletian (e, f, g), sowie das städtische Cohorten-Diplom Caracallas (i),

' Tacitus, Ann. IV. ö.

46 Sarkfin tTober ein neues Militiiidiplom von Kaisor Klagabalus.

dag-eg-en ist der Ausstellungstag des Diplomes von Vespasian (a) der 2. December, der des Diplomes von M. Aurel und L. Ve- rus (b) der G. Mai.

Die Namen der beiden Consuln des Jahres 221 lernen wir aus unserer Tafel bestimmter kennen. Inschriften, Cassiodor, die Fasti Idatiani und das Chronicon Paschale haben nur Gratus und Seleucus. ' Dio Cassius fp. 991) nennt sie Gratus Sabinia- nus und Claudius Seleucus, auch in den kleinen Florentiner Fasten hat Gratus den Beinamen Sabinianus.

Der Name des Soldaten der vierten Prätorianer-Cohorte, welcher das Diplom erhielt, ist Marcus Septimius Maeticus. Ein zu Philippopel gefundenes, jetzt in Paris befindliches Militär- diplom Trajans v. J, 99 - wurde einem Soldaten der Ala prima Asturum, Namens Meticus, ertheilt; es scheint also ein in Thra- cien üblich gewesener Name zu sein.

Unser Prätorianer gehörte zur Tribus Ulpia, einer der sechs imaginären Militärtribus, '^ Sein Geburtsort war die acht Meilen vom Fundorte des Diplomes entfernte Stadt Philippopel. Diese, in alter Zeit Eumolpias oder auch Paneropolis genannte Stadt, erscheint zwar bei den meisten Schriftstellern unter dem Namen Philippopolis, den sie von ihrem Gründer, Philipp IL von Macedonien, erhielt, indess wurde sie in späterer Zeit auch von ihrer Lage auf einem dreigipfeligen Berge Trimontium genannt. ^ Eben wegen des benachbarten Fundortes, weil es doch wahrscheinlich ist, dass sich der ausgediente Prätorianer in seiner Heimath niederliess, werden wir hier diese thracische Stadt, nicht die gleichnamige Britanniens, anzunehmen haben.

Als Auf bewahrungsort . der Originalurkunde, von welcher unsere Tafel eine beglaubig-te Abschrift ist, erscheint der nach der Mitte der Regierungszeit Domitians (seit 93) gewöhnliche, nämlich die Wand hinter dem Tempel des Augustus ad Miner- vam zu Rom.

» Bullet. 1849, p. 133; 1851, p. 76; 1867, p. 14. OrcUi- H enzen, 5514,

6058. 2 Mommsen, ]>. 863, XX. ^ Vgl. Grutcr, DXXXII, 9, CMXL, 0. Fabretti, 340, 513. Orclli, II.

p. 18, 54. * IM in. IV, 11. l'tnUMii.

I

VI. SITZUNG VOM 25. FEBRUAR.

Der Vicepräsident gedenkt des Ablebens des corr. Mitgl der kais. Akademie Herrn Prof. Dr. Franz Lott.

Der Secretär legt das von C. Wiener eingesendete Werk , Essai sur les institutions politiques de l'empire des Incas' vor und verliest das Begleitschreiben des Verfassers.

Ferner wird ein Schreiben von Prof. Bergan in Nürn- berg, auf ein griechisches Grabrelief bezüglich, mitgetheilt.

Das w. M. Herr Prof. Conze überreicht eine ihm von Prof. Conestabile in Perugia übersendete Schrift desselben zur Geschichte der ältesten italischen Kunst.

Das w. M. Herr Hofr. v. Arndts legt die ihm von der Akademie zu Madrid übersendeten litliugraphischen Abdrücke der die Stadtrechte von Malaca und Salpensa enthaltenden Tafeln vor.

48

Herr David Kaufmann in Breslau sendet eine ALliand- lun«- .Die Tlieuloaie des Bacliya il)n Pakuda' und ersucht um deren Aufnalime in die Sitzungsberichte.

Herr Dr. H. Weyda ersucht, sein von ihm eingereichtes Manuscript ,Kegister und Ui-kunden der Karthausen Gaming, Mauerhach und Aggsbach' in die Schriften der historischen Commission aufzunehmen.

Das corr. Mitgl. Herr Scriptor Haupt sendet füi- die Sitzungsberichte eine Abhandlung ,Büiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. I. Neue Handschriften zum Hermann von Fritzlar^

Das w. M. Herr Dr. Pfizmaier legt eine für die Sitzungs- bei-ichte bestimmte Abhandlung, betitelt: ,Die Geschichte der Mongolenangriffe auf Japan', vor.

Das w. M. Hci-r Prof. Mussafia legt eine Untersuchung ,über die provenzalischen Liederhandschrifteu des Giovanni Maria Barbieri' vor.

Das w. M. Herr Prof. Siegel legt die Fortsetzung der Berichte über Handschriften des sctgen. Sclnvabcnspiegels von Herrn Dr. Ludw. Rockingcr in München vor.

Die Aufnahme der von Herrn Dr. Atlalb. Htirawitz einge- sendeten Abhandlung , Ungedruckte Briefe Melanchthons' u. s. w. in die Sitzungsberichte wird genehmigt.

49

An Druckschriften vtrurden vorgelegt:

Accademia Pontificia de' Nuovi Liiicei: Atti. Tomo III. Anno III. (1849 50)

Roma, 1873; 4". Akademie, Siidslavi,sche, der Wissen.schafteii und Künste: Rad. Knjiga

XXV. U Zagrebu, 1873; 8". American Association for the Advancement of Science: Proceedings. XXP*

Meeting, held at Dubnque, Iowa. August, 1872. Cambridge, 1873; 8". Aiinuario marittimo per Tanno 1874. Trieste; 8". Bulletin of the United States Geological and Geographica! Survey of the

Territories. Nr. 1. Washington, 1874; 8". Clarke, Hyde, Memoir on the Comparative Grammar of Egyptian, Coptic,

and Ude. London, 1873; 80. Commissione Archeologica Municipale : Bnllettino. Settembre-Ottobre 1873.

Roma, 1874; gr. 8«. Cosmos di Guido Cora. VI. Torino, 1874; 4». Conestabile, Giancarlo, Sovra due dischi in Bronzo antico-italici nel

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Sitzungsber. d. phil.-hist Cl. LXXVI. Bd. II. Hft. 4

50

jRevue politique et litteraire' et ,Revue scientifiqae de la France et de r^tranger'. III« Annee, Serie, Nrs. 33—34. Paris, 1874; 40,

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Haupt Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. Ol

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker

Yon

I

Josef Haupt.

Unter dieser al%emeinen Bezeichnung sollen verschie- dene Hss. der k. k. Hofbibliothek einer eingehenden Betrach- tung gewürdigt werden, die bisher zur Seite geschoben von niemanden eines prüfenden Blickes für werth geachtet worden sind. Es finden sich darunter solche, die u.ns bisher schwer vermisste Quellen und Zeugnisse für schon bekannte Werke bieten; auch bisher unbekannte, höchst werthvolle Schriften der deutschen Mystiker werden wir kenneu lernen und für verloren gehaltene werden aus den Winkeln, in denen sie ver- borgen waren, hervortauchen.

I. Neue Handschriften zum Hermann von Fritzlar. '

1.

Die k. k. Hofbibliothek verwahrt unter der Nummer 2845 eine Hs., die aus 257 oder, wenn man das letzte noch Text enthaltende, jedoch dem hinteren Deckel aufgeklebte Blatt mit- zählt, aus 258 Blättern besteht. Diese Blätter sind, mit Aus- nahme der zweiten Seite des Blattes 258, mit je vier Spalten (oder mit je zwei auf der Seite) von 39 bis 40 Zeilen beschrie- ben in der zweiten Hälfte oder gegen das Ende des XIV. Jahr- hunderts, und zwar von vier deutlich und scharf unterschiede-

1 Fr. Pfeiffer hat dieses Buch im ersten Hunde der deutschen Mystiker (Leipzicr, 1845. 8", S. 1 258) abdrucken lassen aus der Heidelberger Hs. li;5 und 114 in zwei Bänden. Was der Herausgeber über das Werk S. XUI— XXn sagt, hat bis heute als unantastbarer Canon gegolten.

4*

52 Haupt.

nen Hcänden. Die vier Schreiber haben sich in die Arbeit folgender massen getheilt:

1. Von l'' bis einschliesslich 14^ schrieb der erste.

2. Von 14« bis einschliesslich 24"^ schrieb der zweite, der jedoch seine Arbeit nicht vollständig- durchgeführt hat; er bricht mit der Spalte d ab und für den Rest des Textes blieb 25"'' leer.

3. Von 25'= bis einschliesslich 96*^ erscheint wieder die erste Hand.

4. Von 97* bis einschliesslich 156'^ schreibt wieder der

zweite.

5. Von 157* bis einschliesslich 204"^ wird eine dritte Hand sichtbar.

6. Von 205* bis einschliesslich 258 schreibt ein vierter, dessen Schrift aber jener des ersten Schreibers sehr nahe kommt.

Die Hs. ist aus Papier und Pergament gemischt, wie so viele Hss. des XIV. Jahrhunderts, jedoch findet sich in dieser gemischten Hs. die merkwürdige Thatsache, dass nur die früheren Lagen, nämlich I VHI, gemischt sind, die folgenden aber oder IX XXVI nur aus Pergament bestehen.

Die Schreiber haben nach Lagen gearbeitet, und zwar sind die Lagen :

I VHI (Bl. 1 96) von dem ersten und zweiten, IX— XIII (Bl. 97—156) von dem zweiten, XIV— XVII (Bl. 157—204) von dem dritten, XVIII— XXVI (Bl. 205—258) von dem vierten geschrieben. Die Lagen I— XVII bestehen aus je zAvölf Blättern oder sechs Doppelblättern, die Lagen XVIII XXVI aber jede aus sechs Blättern oder drei Doppelblättern.

Wie man sieht, haben die vier Schreiber nach einer Vor- lage und darum auch nach Lagen gearbeitet mit der ganz geringen Ausnahme von 14*= 24'', wo der erste Schreiber nicht nur die erste Lage, sondern auch von der zweiten das erste Blatt ganz und die erste Hälfte des zweiten Blattes schrieb, und mit dem ersten Blatte der dritten Lage seine Arbeit wie- der aufnahm und mit dem letzten Blatte der achten Lage ab- schloss. Die zwei ersten Schreiber haben zwei Lücken zu ver- antworten, die erste schon erwähnte auf 25*'' und die zweite zwischen 156 und 157, da 157* eine neue Messe beginnt, wäh- rend doch das Ende der ölosa über die zwei Söhne aussteht.

I

Beiträge zur Literatur der ilentBcheu Mystiker.

Die dritte und vierte Hand lial)en sich eines andern Feh- lers schiddig gemacht ; die dritte g-riff näniHch in die Arbeit der vierten hinüber und so kommt es, dass der grösste Tlieil des Textes auf 204"' von der vierten auf" 205^'' wiederholt ist.

Der Inhalt der Hs. ist ebenso aus verschiedenen Werken zusammengesetzt. 1* 4'' vertheidigt sich ein Laie gegen die ,hochgelerten Pfaöen', und rühmt sich, die Evangelien in's Deutsche übersetzt zu haben und dass er zu Trotz den Pfaffen mit einer neuen Arbeit hervortrete. Worin diese neue Arbeit bestanden habe, wird nicht gesagt. Diese Vertheidignng steht auch zu lesen in der ?Is. 3063 der k. k. Ilofbibliothek. In beiden Hss. folgt dann eine deutsche Uebersetzung des Plena- riums, die in beiden wesentlich dieselbe ist, sie weichen aber vollständig ab in der Glosa oder den Erklärungen und Pre- digten über die Evangelien und Episteln.

Diese höchst merkwürdige und kühne Vertheidigung werde ich in einem der folgenden Beiträge mittheilen, in welchem ich nachweisen werde, dass die handschriftlichen deutschen Plenarien, deren eine so grosse Zahl vorhanden ist, eine und dieselbe Uebersetzung enthalten , die identisch ist mit der in den ge- druckten, von denen Auflage um Auflage im XV. und XVI. Jahrhunderte erschienen ist bis zur Reformation. Diese That- sache ist um so bedeutsamer, als die Glosa auch nicht in zwei Hss. dieselbe ist, nicht einmal in den zwei Hss. der k. k. Hof- bibliothek , in denen die Vertheidigung des wahrscheinlichen Uebersetzers uns aufbehalten ist.

Hinter dieser Vertheidigung folgt dann die rothe Ueber- schrift :

4*^ Hie hebet (!) sich an die anevenge der messe coUecten epist^n (!) vnd di ewang^lio dorch daz iar.

Dieser Inhalt des Buches ist vertheilt und eingetheilt auf zwei ganz verschiedene Weisen :

a) 4'^— 24*^ die deutschen Texte der Messen vom ersten Sonntag im Advent bis zu Mittwoch nach dem sechsten Sonn- tag ,als man daz alleluia legete Der Schluss fehlt, da der Schreiber 25^^ leer Hess, wie schon bemerkt worden ist.

b) 25<=— 98^ die deutschen Erklärungen der bisher über- setzten Evangelien, Episteln und Lectionen.

Ft^ ' Hau 1) t.

c) 98*» 258'^'' die deutschen Texte der Messen vom Sonn- tag- vor der Fastnacht bis einschliesslich Charsamstag. In dieser Abtheilung- stehen die Erklärungen stets unmittelbar hinter der Messe, zu deren Evang:elium oder Epistel sie gehören.

2.

Der für uns wichtigste Theil der Hs. ist enthalten auf 25c 97b. Sämmtliche hier versammelte Predigten behandeln das einzige Thema aller Mystiker, nämlich die Geburt Christi in der menschlichen Seele. Sie stehen auch nicht zufällig hier in einer Reihe hintereinander. Sie waren schon vor 1340 zu- sammengestellt. In unserer Hs. ist die ursprüngliche Sammlung nicht vollständig aufgenommen. In Hermanns von Fritzlar Blumenlese sind einzelne unserer Predigten enthalten, während andere wichtige fehlen. Hermanns Blumenlese wurde im März 1343 begonnen und 1349 beendigt. Alle diese Predigten ge- hören nothwendig nach Styl, allgemeiner und besonderer An- sicht einer und derselben Zeit an.

Ich schreite jetzt daran, Hermanns Blumenlese und unsere Sammlung zu vergleichen. In dieser Blumenlese finden sich Predigten, die zu keinem Heiligenleben gehören, wie die weihnächtlichen. Ich werde ausführlicher sein, als vielleicht manchem nothwendig scheint, aber ich hoflfe auch zu erreichen, dass mir solche zustimmen werden, wenn sie ersehen werden, welch einen namhaften Reichthum von Besserungen Hermanns Text aus unserer Hs. erhält, zu welchem bisher keine zweite oder dritte Hs. bekannt war.

Hermann ed. Pfeiffer. S. 27. H. 2845. '

Di prophezie zu der ersten messen. Den kristäbent merket di leccien.

Zum ersten, wan ich werde langte sa- (44<=) Isaias spricht: ,vmme Siün wil ich

gende, sprichit Ysaias: ,)ime Syon niclit sweigen vnd vmme Jerusalem

enwil ich nit swigen noch ume Je- wil ich nicht ruen.' Nu spricht Syön

rusälem enwil ich nit ruwen.' Sjon also vil also eyn spigel ader eine

' Alles, was aus dieser Hs. hier abgedruckt wird, folgt genau der Vorlage, nur die Abkürzungen bis auf notwendige Ausnamen wurden aufgelöst, die Längen bezeichnet und die nothwendigste luterpunction augebracht Nach ihrer Sprache ist die Hs. im nordrjstlichen Deutschland geschrieben worden, Denis glaubt den Schreiber einen ,Moravum aut Bohemum-, Vol. II.. c. 20Ü8, wahrsclieinlich aber sind sie in Preussen oder den Nachbarlanden zu suchen.

Beiträge zur Iiiteratnr der ileutsehen Mystiker.

55

sprichit alse vil alse ein spigelunge, und meinet hiterkeit des Icbeus. Je- rusalem diitet alse vil alse ein scho- wuncre und meinet daz ewige leben. Dise zwei wil di sele durch brechen vnd wil in alleine haben den si lip hat. . .

beschaiivnge vnd meynt louterkeit des lebens vnd Jerusalem meint also vil also eyne stat ader eyn gesiebte des frides vnd meint daz ewege leben, vnd dise zwey wil di sele beide dorch brechen vnd wil uuer den alleyne haben den lip bot . . .

S. 2«.

Nil neme ich daz ewangelium hüte: ,dö MariÄ, Jesu muter, was gemälet Josepe.' Maria sprichit alse vil alse ein vrowe, und meinet die sele di ires selbes gewaldig ist. Joseph spri- chit alse vil alse einre der da wehset und zu nimet und meinet ein gemute daz da wehset und zu nimet und bluwet und grünet in gotlicher ubunge und an heiligen werken . . .

(das ewangelio mathevs in dem ersten teile) roth.

(45'= )Dö Maria Jhesu muter was getrewet Joseph. Nu spricht Maria also vil also eyn (...) vnd meint (vnd meinet) di sele di ir selber gewaldik ist. Nv spricht Joseph also vil also ejmer der wechset vnd zu nympt vnd hy bei mak man uemen eynes fromen men- schen gemute daz wachsende ist und bleibende vnd grünende ist in gotlicher ubunge vnd an beilegen werken . . .

S. 29. Di andere messe.

Di andere messe an dem kristage di sal man singen halp bi tage und halp bi nacht. Di nacht meinet di gotheit di nimant durchgrunden noch durch- sehen mag. Der tag meinet dimenscheit di offinbar wart allen löten. Also spri- chit Paulus: ,di gnade unses heilandes ist erschinen allen lüten.' Daz ewan- gelium saget daz di engele quämen zu den hirten und sprächen: ,wir kun- digen üch groze vroude.' Vroude ist ein zubereitunge des herzen vnd ein berurunge lustlicher dinge und beger- licher, und danne ist si gröz wan si innerlich ist und deme geiste aller nehest geborn wirt und si kein be- trupnisse verloschen mag. Dar umme hat si zwo swestere di alle zit mit ir

(hie hebet sieh an di ander mese di glosa dor umme saget man hie Lucas) roth.

(49*) Nu sult ir merken also ich vor habe gesprachen ' (!) so synget man di ander messe halp bei der nacht und halp bei dem tage. Nil ist hi bei der nacht bedoutet di verborgene got- heit di so vinster ist vor aller kunst daz di nymant dorch gründen noch dorch synnen mak. Aber der tak meint di menscheit vnsers herren di often- bär ist allen fromen cristenmenschen. Also .spricht .sant Paulus: ,Di genäde unsers heilandes ist erschynen allen menschen.' Nu saget das ewangelio daz di engel quömen zu den hirten \ind sprechen : ,wir künden euch grosse freude.' Nu merket freude ist eyne bereitunge des herzen vnd eyn (49'') begerunge lustlieher dinge vnd begir-

' Er hat nämlich über die Bedeutung der drei weihnächtlichen Messen in der Einleitung zur Predigt über das erste Evangelium 46'' —46= gehandelt.

56

Haupt.

sint daz ist vride und Sicherheit. Gaude daz sprichit vroude . . .

S. 31. Di dritte messe.

Di dritte messe di singet man am tage, und meinet di offenbärunge unses herren Jesu Kristi menscheit, di da offinbar wart alle der werlde. Iz spri- chit Johannes : ,in dem beginne was daz wort.' S. Augustinus sprichit daz dise wort swer sint zu vernemene, wan hete Johannes icht höher gedütiret, alle di werlt enkuude in nit verstan- den hän. ,In deme beginne äne begin in dem vatere.' Alleine der vater si ein Ursprung des sunes, her enist doch nit edler noch junger dan der sun, si sint gliche. ,Ewig was daz wort.' Daz meinet daz iz in dem vatere ewiclichen ist gewest an weselicher einikeit , . .

S. 34.

Sente StephAnus tag des heili- gen merterers.

Der erste tag nach dem kristage ist sente Stejjhäns tag. Den beget man als her gemartert wart, alleinc her doch nu nit gemartert si sunder in

Heber, wen si ist so gross wenne si ynner ist vnd dem geiste aller nesten wirt, das si kein betruppenysse nicht vorseren mak. vnd der vmme so hot si zwu swestern di alle zeit mit ir sein. Di erste das ist freude, di ander heistsicherlieit, wenne Gaudium spricht freude . . .

(hie hebet sich an di drite messe di glosa vber das ewangelio Johannis im ersten teile) roth.

(50*) Di dritte messe di synget man an schönem tage Das meint di offenbärunge der menscheit vnsers herreu Jhesu Christi Dy oflenbärt wart aller werlde. Nu sult ir merken das ewan- gelio also is be (50'' ) schreibet sant Johannes in dem ersten gesetze vnd spricht also: ,In dem begynne was eyn wort.' hir über redet sant Augu- stius (!) vnd spricht also : Dise wort sint swer zu vornemen' vfi spricht vnd bette Johannes icht höcher gedonert alle di werlt bette in nicht gemocht vornemen noch vorsteen. Nu sult ir merken wi her spricht: In deme be- gynne. Alleyne in deme almechtigen vater ist eyn orsprunk des sones, so ist dach der son uichtes nicht junger wen der vater, euch ist her nicht ei- der wen (der sun) sunder sint gleiche alt vn gleiche ewik vnd dor vmme spricht: in deme begynne waz das wort das ist sein son, der ist ewik- lich in dem vater gewesen noch der wesenlichkeit der eynekeit . . .

(di predig an sente SteflFans tag also her gemartert wart vor Jerusalem, die epistel in den werken der zwelfpoten das evangelio Johannes in XXIII) roth.

(52"=) Man begeet houte sant steffanes tak also er gemartert wart, alleine her also an disem tage nicht gemar- tert sei svnder is ist gesehen in dem

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker.

57

dem oweste; aber umme eteliche sache so sint dise tasre geleget bi dem kristag. Wanne Kristus ein lioubit ist aller mertere, so hat man allerleige mer- terere bi in gesatzit. Sente Stephan der was ein merterer mit willen und mit werken. Aber sente Johannes was ein merterer mit willen und nit mit werken. Aber di kindeline wären mer- terer an den werken imd nit mit wil- len, WaR si noch keinen willen gehaben mochten . . .

herbeste, aber vmme etliche sachen so sint dise tage geleget bei den crist- tag. wenne Christus ist eyn lioujjt aller marter, so hot man dreierleie merterer bei in gesalzt, wenne sant steftan was ein merterer mit dem willen vn mit den werken, aber sante Johannes was ouch eyn merterer mit dem willen vnd nicht mit den wer- ken, aber di liben kynderlein di wö- ren merterer mit den werken vn nicht mit dem willen, wenne sy noch nicht keinen wyllen mochten gehaben . . .

S. 35.

Nu kere ich mich zu deme ewangelio, daz Jesus sprach zu den scharen vnd zu den fursten der pristere : ,we üch wan ir gesteinet habet di j)ropheten und getotit habet di boten gotis! des muz über üch kommen alle di räche des blutis daz ie gegozzen wart üfle di erden von Abel dem gerechten wan üfte Zachariam.' Hi sint zwei zu mer- kenne. Daz eine ist: den gruwelichen vluch den Kristus gap den Juden, di schuldig wären an dem valschen gerichte daz über di merterere gesez- zen ist. Daz andere ist daz grüwe- liche urteil, daz vber di irgen sal di noch unschuldig blut gizen und di do steinen di propheten . . .

(das ewangelio Johannes in XXIII) roth.

(03*") Jhesus sprach zu den scliarn der Juden vnd zu den fursten der jirister: ,we euch wenne ir gesteynet habet di propheten vnd getottet habet di boten Christi! Des mus vber euch komen alle di räche des blutes das y auf di erde gegossen wart von Abel dem gerechten bis auf das blut Za- charian.- Hir sint zwei zu merken, das erste ist den groulichen fluch den got gap den Juden, di scholdik wören an dem valschen gerichte daz vber di merterer geton ist. Das ander das grouliche orteil, das vber di er- geen sal di noch vnscholdik Ijlut {öH'^) vorgissen vnd di steinen di propheten . . .

S. 36. Sente Johannes tag ewangelisten.

Man heget hüte sente Johannes tag des ewangelisten. Den nennet daz ewan- gelium den junger den Jesus lip hate. Dise libc wisete ime Jesus an drin dingen. Daz erste : her offenbarte ime heimeliche ding. Ein zeichen rechter libe ist: waz ich waiz daz daz nun frunt ouch wizze . . .

(an sente Johannes tag des ewangelisten vn zwelf poten in ende) roth.

(ö-i*) Es ist honte sant Johannes tak des, ewangelisten, vnd das ewangelio nennet in den jvngern den Jhesu lip hatte, vnde dise libe di beweiste vnser herre Christus kegen j'm an dreien dingen. Das erste in deme, wenne lier ym vil heymelicher dink offenbarte, wenne das ist eyn rechtes zeichen eyner wörhaften (54'') libe, was icli weis das das ouch meyu frünt weis . .

58

H a u p t.

S. Sit. Der kiiidoliii t»g.

Man begt't hüte den tiie du/, di sä- genden kint durch unses herren schulde irslagen wurden von dem kunige He- rode. Daz ge.«<chach nit alse hüte, vvan iz durcli daz gesat/.it ist alse hüte zu begene : wan des nit lanc enwas sider unser herre geborn wart daz si ge- slagen wurden und doch eines tages nicht geslagen wurden, so ist iz allez an disen tac geleit, daz man iz bege in siner geburte, wan si durch sine geburt irslagen wurden. Mine vil liben, der kunic Herodes was ein beiden, her inwas der Juden kunig nit. Sin vater hiz Antipater und was ein sche- chere . . .

S. 45. Der achte tag des kristages.

Man beget hüte den achten tag des kristages also unser herre besniten wart und zum aller ersten sin blut göz. Diz wer gnuc gewest vur alle der werlde sunde ob her iz dar zu geordent wolde haben, und iz was ein gröze demutikeit daz her sich wolde läzen besniden als ein sunder und nie sunde getet. Ime wart ouch der name gegeben als daz cwangelium saget hiite : ,dö di achte tage umme komen do wart daz kint besniten und hiz Jesus' . . .

(an der lievligen kyndelyn tag di He- rodes lis toten do her vnsern herren lis svchen do vlöch Joseph vu Maria vor ader zoch lienwek niatheus in ij") roth.

(5G'')Man beget houte der kyndelyn tak also di sougenden kyderlyn (!) ir blut vorgossen haben dorch der eren wil- len vnsers herren Christo Jhesu vn worden erslagen von dem konyge Herodes vnd das ist nicht g«scheen also houte an disem tage, wenne is ist doi'ch des willen gesatzt also houte zu begeene, wenne das lant was vn- sers herren gebort nicht, do sie er.sla- gen worden. Nu was der konik He- rödes eyn beide, wenne her was nicht der Juden konik vnd sein vater his Antipater vnd was eyn schecher . . .

(ander besneydunge vnsers herren) roth.

(öG**) Man beget houte den beilegen obersten tak an dem vnser herre Christus besnytteu wart vnd ist der achte tak noch dem Cristes tage, wen vnser herre bot an disem tage zu dem ersten möle sein blut vorgozzen dorch der men- schen willen vn were genvk gewesen zu erlosunge vor aller werlde svnde, ap her is dor zu geordent weide hän, ^Tid sicherlich is was eyne gröse de- mutek (!) das her sich wolde lassen besneyden gleiche eynem sundigen menschen der in sunden enphangen, getragen vnd geboren wirt, wen her dach {]) ny keine sunde getet vnd do wart ym ouch der name gegeben also das ewangelio saget, wen der ewan- gelista spricht: ,dö der achte tak al vmrae quam do wart das kint besnyt- ten vnd wart geheissen Jhesus' . . .

iS. 47. Der zwelfte äbent.

Der zweU'te Abint. In anderen landen )ii'i/,i't i/ der oberste tag ume di grözen

(an dem tag also di dri konyg zv vu- serm herren quomen) roth. (63i>) Ir sult wisse, das man houte begeet den tak also di drei konyge

Beiträgp zur Literatur dor deutschen Mystiker.

59

diiii;- (li liüte g-eschehen .sin an den drin kiinigen: di suchten daz kint und funden iz also Imte. Daz bedütit, d;iz di drie krefte der sele stillen daz kint suchen. Vernunft sal in suchen ahsö alse her ein M'ärheit ist, und wille sal in suchen alse her ein gute ist, ge- hugnisse sal in suchen als her ein ewic lel)en ist . . .

S. 49. Der zwelfte tag.

Der zwelfte tag. Dar nach sprichit daz ewangelium : ,d6 Jesus geborn was in Bethleem Judä, äd quamen di drie kunige zu Jerusalem.' Daz ist: wan daz ewige wort geborn wirt in dem wesene der sele, so keren alle di uzern krefte von ii'dinschin dingen und en- haben keine behegelichkeit an in, und di obersten lu'efte keren alle in güt- liche beschowunge. ,Under Herödes.' Daz dute ich nu als eine geistliche gewalt. Textus. ,si vrägen, wo ist der geborn ist kunic der Juden?' Daz meinet di geburt gotis in der sele . . .

S. 52. Der achtzcnde tag.

Man beget hüte den achtzenden tag, und ist der achte tag des obersten tages, wan di liöchzit ist sA riche daz man alle dise achte tage do vone geiialden hat. Dar umme saget di lec- cie hüte : ,herre, ich sal eren und loben dinen nanien, wan du wirkest wun- derliche ding.' Daz meinet, daz wir got loben suUen uninie di grözen liücli- zit di gesatzit sint in dem järe, di in uns sullen wirken gröze innekeit, und in den wir uns sullen vernüwen und unser sunde lidig werden alse man liilte beget daz miser herre getouft wart ...

svchten das kj'Ht vml funden is also honte. Das meinet dj drei crefte der sölc, di sullen ouch das kynt suchen. Zvm ersten s6 sal in vornunft suchen in rechter wörlieit. Zvm andern mole so sal in wille suchen also also her eyn oberstes gut ist. Zvm dritten mole so sal in ge (6o") declitenysse suchen also her eyn cweges leben ist . . .

(also di dri konyg quomen di glosa das ewangelio matheus in ij teile) roth.

((54"=) Das ewangelio spricht: ,d6 das kyn- delyn Jhesus wart geborn in der Juden lande in der stat zu Bethlehem, Do quomen di [(Si^) drei konyge zu Je- rusalem.' Das meint: wen das cwege wort geborn wirt in deme we.sen der sele so keren alle di oussern krefte des raensclien von oussern dyngen vnd von den irdischen dingen vnd haben vorbas me keine behegelichkeit dor an vnd di obersten crefte di keren aller sament in gotliche beschauvnge. Nu bedntitet Herodas (I) also vil also eyn geistlicher gewalt. Text. Nu vro- geten dise drei konige vnd sprechen : ,w6 ist der der do geborn ist der Jvden konik?' Nil vornempt wen das meynet, das di gebort gotes in der seien . . .

(also vnser herre getoufet wart das beget man hvte aber es ist eyne ader (!) zit gescheen) roth.

(69"*) Nu sult ir merken das di lecze sprich (!) : , Herre, ich sal loben vnd öron dynen namen, wenne du wir- kest wunderliche werk.' Di glosa di spricht das dis meync, das wir alle got loben sullen vnd sunderlichen vmme di wunderlichen h6chzeit(;n di do gesatzt sint yn dem iär vnd di in vns wirken grosse ynnekeit vnd gnade vnd in den wir uns sullen vornewen vnd vnser sunden ledik werden, wonno man also houte begeet das amacht (i) also vnser herre getouft wart . . .

ßO Haupt.

Der Zusammenhang Hermanns von Fritzlar mit un- serer Sammlung ist zweifellos. Nun könnte aber Jemand den Einwand erheben, dass die Schreiber des Plenariums aus Her- mann unmittelbar geschupft haben, oder dieselben Quellen wie dieser in ihr Werk geleitet haben. Dass diess aber nicht der Fall ist, sondern dass Hermann und die Schreiber unserer Hs. aus einer grossen Sammlung Stücke ausgehoben haben, lässt sich streng erweisen. Ich muss dazu weiter ausholen und theile den Anfang der Erläutei-ungen mit. f. 20'=

der erste svntagf in dem adevent ader in der zvkvft (!) vnsers herren Jhesv Cristi, wen ir sult wysseii das alleweg vyr svntag synt vor dem cristtag di bezeichen (roth).

DO Jhesus nekente Jerusalem vrid quam zu Betpbai etc. E wen ich von den werten rede, sn nem ich daz wort, daz Sacliarias spricht: ,saget der tochter Syon, sich ! dein konik kompt gar senftniutik sitzende auf der eselynne vnd auf ireni iungen.* Nii merkt. Di tochter Syon, do meinte der herre mite Jerusalem vnd di ganze Judischeit, wenne Jerusalem was eyn houpt der Judischheit vnd di Juden his xpc seyn volk, vjid der vmme sprach er ,dein konik'. Aber das wort das er spricht ,er kompt' do meint er mite sam er Sprech: heis si sich bereiten mit togvntlichen werken vn mit aller demutikeit kegen irem konyge vnde obersten herren. Aber das er spricht ,der demutige' das meint sam er spreche: Er kompt nicht mit hochfart noch mit grosser menyge, mit vliermute nodi mit zorne also di werltlichen konyge komen, wen di zien vor di stet mit vnfride vil mit (25'') zorne, vnd wen si di stat gewi- nen vnd das volk vberwynden, so j)einegen si di leute vn nemen in was si haben, vnd also kompt nicht xpc, der wöre konik, sunder senftmutikllch vfi demvticlich, nicht zorn noch vnfride zu machen sunder den wören fride. Daz beweiste wol der engel, do der edele konik geborn wart, er sprach zu den hirten: ,Lop sei gote in der höe vnd fride den menschen auf der erden.' Er quam ouch nicht dor vmme, das er si peynegen ader in icht nemen weide, sunder dor vmme, das er si von der jämerigen pein erlosen wolde vn geben wolde das ewege leben. Text. ,auf der eselynne.' Das meint also ap er spre- che : er kompt nicht auf grossen rossen noch moulern hochferticliclien also di ander konyge sunder gar demuticlich auf eyner eselynne ouch (1. euch) zu eyncm bilde, daz ir mir noch volget in rechter demutekeit. Text. ,vnd auf irem jungen.' Das meint sam der herre spreche: ich kome nicht alleyne zu erlosen di Jvden snuder ouch di beiden, vn di wil ich l)eide brengen in eynen cristenen gelouben. vn du mite bezeichente er das, das er von (26») der alden eselynne sas auf den jvnden (I. jungen) rechte sam er spreche: Ich wil sein sam eyn eckestein, der zwu wende zusamene slousset, also wil ich di zwyne glouben in eynen slissen vn veste machen, vii also der verworfene stein den temi)el ganz und volkomen machte. Also machte xpc den tempe' der heilegen cristeniicit vnd sb)a in zu saraene mit eyne vesten glovl)en. Nu merkt, di aide eselynne hatte eynen satel vnd meint di Judischeit. Di iiatteu

Beiträge znr Literatur der deutschen Mystiker. 61

eyne E auf di sy mochten bowen, das meint di gesetze vnde di zeen gebot, di in got gegeben hatte, dor oflfo sie gewisslichen vii veste sitzen mochten, wen si mite äne zweifei des ewegen lebens sich erworen, ap si di gotes gebot vnd E bilden, vn des satteles hatte der iunge esel nicht, der meint di heidenschaft, wen di hatten weder di E noch der gebot gotes nicht. Ouch hatte di aide eselynne eynen zanm. Das ment, di Juden hatten den zauin der lere van den propheten, di sie lärten vii weisten si auf alle rechte wege, was si tvn vR lassen solde. vii des hatte ouch der iunge esel nicht, Das ist di lieiden. di beiden hatte des nicht vii dor vmme was des not, das (26*') der herre ouch auf den iungen esel sas vii satel vii zäum dor auf legete. Das meint das her eyne E vii di gebot gebe vii lerer, di sie weisten di rech- ten wege. Nu spricht sant Jerönymus, Das got ist komen in vierle (!) weise. Zvm ei'sten ist her komen wunderlich, wenne das were eyn gros wunder, das eyn grösser mechtiger konynk sich vorzige seiner grossen gewalt, richtum vn hireschaft, ere, wollest vii gemach vii seines guten gewandes, vii worde eyn armer dyner, vii muste grossen armut vii gebrechen leiden vn smöcheit, vii muste vii herter arbeit tun. Noch vii me ist das wunderlieli , das der almechtige konyk vii schepjjer hymels vii der erden vii aller dinge Ous seyner almechtigen hirschaft vii gewalt so gar mit eygynem guten willen zoch, vii gap sich also gar in manechveldik leiden also armut, vorsmenysse, vorspottunge , arbeit, iämerkeit vii manecherlei gebrechliclikeit, vfi lis seyne schone clärheit sich vorbergen in de groben sake der menscheit. Zum andern mole so quam her begirlich , Wenne nymant mak sprachen, das y keynes dynges mit grosserre begerunge (26"=) begert vii geheischen wart wen di der Zukunft xpi, vii des komen ouch nvczer vii nötdorftiger were, wen seiner liplichen zukunft allem menlichen gesiechte, vfi sunderlichen hatten di pro- pheten vii weissagen, di wören in dem vorborge der lielle, gros schreien vfi erlangen noch ym, vnd ouch was her sein sein (!) selben begirik zu vns zu komen. Zu dem dritten möle quam her gutiklich, Wen nymant mak ge- spreclien, das ymant gutiger gewesen sei wen xpc vnser herre, wen her bot gutiklichen geliden armut, vorsmenysse, vorspotten, lestern, hicze, huuger vn manecherlei gebrechen vn eynen schemelichen bittern tot, vn vor uns schalk- haftige seine widersachen, di also oftete widersten seynen wiUen, vn sunderlichen bot her in rechter gutekeit gebetten vor di, dy in so bitter- lichen peinegeten vii marterten. So wo ist y dervarn an keynem menschen so grosse vii manechveldege gutekeit, also der herre beweiset bot an vii cranker vn gebrechen menschen? So wer höt y dervarn so grosse deunite- keit loch von eyne armen menschen, also sich der herre aller herren, konk aller konyge, demutikliclien beweiset höt in alle seynen werken? Nu spricht sant Augusius, daz wir ym dor ynne volgen sullen vn sullen bereiten zu (26'') enphoen in dreierlei weise unser herze vn gemute rechte, also ein borger tut, so eyn grosser hörre wil komen in sein hous, so lest her sein lious gar reine kcren mit besemen, das kein vntlöt ynne bleibet; Ouch lest her is wol vfi schöne zircn mit vmmehengen vn mit schöne gefcsse; Ouch Schaft lier ym di beste speise vnd trank, dy Iier gehaben mak. Also sal nu der mensche tuen, der wil das discr erwirdige herre xjjc in seine hous kome. Der sal is zum ersten reine keren mit seynen besemen , vn di

62 Haupt.

beseme sullen dreierlei rutten haben. Di ersten sint: eyne wore rewe vn bitterkeit vinnie di sunde, Di andern: loutere beichte, Di dritten: volkomene busse vn willen hän der svnden nyinme zu tvne. Zum andern mole so sal her sein hous schone ziren mit manechveldigen togvndeu vii guten werken : Also mit schöner demutikeit, gedolt vn reinekeit etc. Zum dritten mole sal her dem herren bereiten eyne lostliche speise, Das ist eyne süsse andochte vn eyn ynueges gebete vii lypliche hymelische betrachtunge, dis sint alles gerichte, di gote gar lostlich sint. Also sulle wir vn.ser houser kegen ym bereiten, vn in bitten vn di konygyune Maria vmme geuäde zu reden un zu hören etc.

Am ersten svntag im adefent (roth). Man begeet houte den ersten svntak in dem (27*) adefent. wen ir sult wissen das alle wege vir suntage sint vor dem cristes tage, vH di bezeichen vier zukunt'te unsers herren. Der erste suntak bezeichent di erste zukunft, das vnser herre quam vn geborn wart mensche in dise werlt von der konigynne, vn dor vmme tröget man, wor vmme der herre nicht wolde geborn werden in deme svmmer. Das ist dor vmme, das her vns eyn bilde gegeben höt, das her in leiden kernen sei in dise werlt, vn meint ouch, das man den armen menschen denne gutlichen tuen sulle, wen sie gemenlichen nymmer in dem iäre so nötik sint also vmme di zeit. Sante Bernhart spricht, das man das kint sulle heissen also: hercze libes kint, vn sol is heissen das libe kint das gotes son ist. Der ander suntak ist bezeichent bei, das got geistlich kompt in di ynnege seien. Also spricht sant Bernhart: ,liber herre, wi lostik ist denne (1. deine; zukunft der sele vn wi fridelich ist deyne vmmeföunge, vii wi peynlichen vfi iämerlichen ist dein abescheiden!' vnd dor vmme list man in der veter buche, das eyn altvater sas auf seinem bette in dem slöf- house, vfi begerte von ganzem herzen, das her dis libe kyndelyn seen mochte, das also zukunftik ist. quam vnser libe frawe vnd bröchte ir libes kynt an irem arme vnd sprach zu ym: ,Nü nym das kynt, wenne du sein geuzliclien begert hüst, aber ich wil is dir nicht lange lassen.' nam der (27*^; bruder das libe kyndelein an seine arme vnd halste is vnd koste is vn drukte is an sein herze vnd spracli : ,du herzen libes kint, das doreh meinen willen geborn ist worden in dise werlt!' vnd dor noch nicht lank, hisch vnse frawe ir kint wider, vnd der monech wolde is ir nicht gerne wider geben, vnd vnse frawe begreif ir kynt vnd zöch is zu ir, vii der monech zöch is ouch wider zu ym, vnd rif mit louter stymme seinen brudcrn vii sprach: , helft mir! helft mir! andres si nympt mir das kint.' Daz füren di bruder auf vnd warten, was ym were, vnd wöneten her were rösende worden. \nd funden si den moncchc sere betrübet vmme das her sein killt hatte vorliinn, Vnd .sagete her in, wi her is au seinem arme gehabt hette. Der dritte suntiik bezeichent, das xuiser herre selber komen

wolde zu dem letzten ende unser Üben frawen, also sie von hynnen scheiden scheiden (I) solde, vnd noch kvmjit zu maneches fromen menschen ende, also flaut Augustius spricht von vnser frawen, das vnser herre mit seynen engel were, vnd spricht di schrift, das vnser herre were bei dem ende seyner liben wirtynne Marthan, di sterben solde, mit seinen liben apostelen vnd sprach zu ir: ,Mine libe wirtynne! kum ! wen du höst mich gar oÖ'te

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. DO

geherberget in deinem house , vnd dor vninie so (21'^} kom! ich wil dich nv wider herbergen in der ewegen vi! unforgenkliclien selikeit'. Der vierde

suntak bezeichent, wi got zu dem iungesten tage komen wil und orteilen sal alle menschen, wen hy von schreibet man in der veter buche , das eyn alt vater was, der truk seine rechte hant enpor virzik iar. vrögeten in seine bruder, was her mitte meynte, das her seine hant so stete enpor trvge, her esse ader tninke ader was her tet. Do sprach der bnider: ,d6 vorchte ich alles den zorn gotes vnd beite des iungesten tages'. Sante Jeronymus spricht: ,Ich esse ader trynke, Ich slOfe ader wache, so ist stete di stymme in meinen oren: stet auf ir toten vn kompt vor gotes gerichte'. vnd wen nicht bewegen di ersten drei zukunfte, di do gar lostlich sint, den sal di letzte, di gar grousam ist. vnd hir vmme so liabe ich eyn wort genomen, das stet in dem ewangelio daz man heute list, vfi spricht : ,geet ous ir tochter von Syön ! sich, deyn konik kompt'. Ysaias spricht: ,Seet, her brenget sein Ion mit ym'. Ouch spricht sant Augustius : ,Herre , du kumpst vii brengest alle deinen koufmanschaft. herre, Avas host du dach?' (sie) vnd her antwort in der persöne vnsern herren vnd spricht: ,ich habe reichtum das vberflossik ist'. , Herre, wi gibest du den?' Der herre spricht: ,ich gebe yn vmme armut, vnd ap des nymant wil, so habe ich (27'*) noch vil grosser freuden'. , herre, wi gibest du den?' spricht Augustius. der herre antwort: ,ich gebe si vmme beti'uppenysse?' Augustius spricht: ,herre, des wil nymant koufen'. ,s6 habe ich noch vil eweger eren vii di gebe ich vmme vorsmenysse'. her sprach: , herre, is wil itzunt nymant kovfen wider dich'. Do sprach vnser herre : ,Ich habe noch eynen koufmanschaft, des alle creätüren begern in hymel vnd in erden, das ist leben'. Augustius spricht: , herre, wi gibest du das?' ,Ich gebe is vmme eyn sterben'. Saut Paulus spriciit: ,alle tage werde wir getötet dorch xpiii wille'. Sant Bernhardus spricht: ,Wer fulen sal des eynsprechenes des ewegen wertes, der mus gestorben sein der nätüren'. Her spricht: ,Sage der tochter von Syön' mite meint her die sele, di nv vornemen sullen di bögen wort von den bescliaulichen dyngen, wen di engele di sullen kundegen den menschen das ewege wort zukunftik, das also komen ist, vnd dor vmme stet geschriben in dem buche der libe: ,Gcct ous ir tochter von Jerusalem vnd seet den konik mit der cröne, mite in seine muter gecrönet höt'. Vnd ouch stet in dem selben buciie di mynnende sele spricht: ,Ich begere, das her ous gee vnd mych kvsse mit dem kosse des mvndes vii das her ous gee vnd souge di broste seiner mvter'. vii ouch spricht die sele: ,her kumpt spryngende also eyn recalp auf den bögen bergen'. Das sint di bögen ("28"; geiste, Aber di cleynen mocken das sint di menschen, di sich bekümmern mit werltlichen dingen vnd mite befangen scint. Vii dor vmme spricht her: ,sage der tochter von Syön der bögen worte der be- scbaunge, das ir konynk kommet'. Das ist: Got begert nicht mir (1. mer) von vns, wen das wir dy ougeu auf tuen vnsers gemerkes, vnd dor umrae sjjricht Ysaias: , Herre, weidest du den hymel reissen vnkomen (!) her nyder'. Ouch spricht her: ,das ertreiche tu sich auf vnd rawe den gerechten'. Eyn ander pröphete spricht: , Herre, kom vnd .säume nicht! wi lange wilt du säumen uii was tauk unser leben äne dich?' Eyn ander pröphete spricht: ,Herre, is fuget dir das du kumest, wen du is höst gespracheu (l) und is

Q^ Haupt.

unser munt von dir gekündet hot, vnd dor vmme fuget sich das du is haldest'. Wen Isaias spricht: , Sehet den namen vnsers herren von verrens in elarheit, her feilet alles ortrich rait der kunft vnsers herren'. Ouch spricht saut Bern- hardus: ,Dis muge wir uns wol Schemen, das si s6 hitzik wören vnd wir sol (1. so) kalt sint, wenne der herre enkunipt nyrne hyn, wen do man sein hitziclichen begert vii wonet ouch nyndert wen in reinen herczen.' vnd dor vmme spricht her: ,eyn konyk' wen got ist eyn eygein (!j konik der sele, vn di scle eyne konygynne gotes, vnd dor vmme spricht her ,der konik' wen alle Winkel (28'') der seien suUen erfüllet werden, vnd dor vmme spricht man in dem buche der übe: ,Di libe hut vil heymelicher wege in irem garten'. Zum ersten senftmvtiUlich alle gebrechen zu vorgeben, demvtic- lychen Di togvnden alle zu üben. ,vnd reitende auf der eselynne'. Das be- zeiclient das wir den esel vnsers leichnames messiclichen halden sullen. sant Bernhart spricht : ,wer seynem leichnam gutlichen tut der sterket seinen vint'. Nu ist eine froge, Wi sich eyn mensche halden sulle in diser werlde, das is enphenklichen werden möge des ewegen Wortes. Sant Pavlus spricht in eyner epystelen: , Bruder ir sult auf steen von dem slöfe'. Do meint her myte dy buse gewonheit, di sal aller hyn geleget werden. Das ander spricht her : ,wert nicht geschawet', Das meint, das der mensche vil alleine des nachtes sal sein, wen alle creäturen sweigen vii ruwen. vnd dor vmme spricht sant Bernliardus: ,0 meyn herre, Ich frewe mich der langen nachte, das ich mich mit dir bekümmern .sal vn wol mit j'm erlosten'. Zum dritten mole so spricht: , nicht in legerbetten', Daz meint, daz man nicht trege sal sein. ,nicht in trunkenheit', Daz meint, daz man sol mesik (28'=) sein an der speise, an tränke vii allen dyngen vn sunderlich mit den werten, wen der mensche hyndert ofte gotes insprocht. also sal man ouch nicht foul sein in allen dingen, di gehören zu den eren gotes vnd zu der sele heil un sunderlich zu geistlicher vbunge, zu ynnekeit in dem gebete vii zu andächtigem be- trachten, wen dis ist eyne phorte dorch di got geet in di sele. Daz fünfte spriciit her ,nicht in schänden', Daz meynet, das dein (I. dhein) mensche sein herze vmme nicht ströfe zwischen ym vnd gote, vii das sein leben vnstrüf lieh sei vor den leuten. Das sechste spricht her ,vn nicht in crige', Daz meint, das der mensclie mit nymande sal crigen weder vor gerichte noch heymelichen, sun- der her sal steen an eyner ganzen vi! volkomen libe mit allen menschen. Zum sibenden möIe spricht her ,nicht yn hasse', Das meint her sal sein in eyner guten getrounge zu allen menschen , vnd sal sich wenen den aller snödesteu vnder allen menschen, vS sal sprechen: ,H6rre ihesu xpi. Ich vn- wirdiger armer sunder. Ich bitte dich, waz deinen aller libesten fründen vber bleibet, das du mir das gebest, vnd bitte mit Lasaro der brosemen, di do Valien von der reichen menschen tische'. Das sint die edesten (?) menschen, di di zeit geleisten mak , vnd di gote enphöen gar rieh (28'*) liehen. ist eyne fröge, wi der lichnani sicli dor zu halde wen di sele das ewege wort en]>heet. Dis höt man eye figvrc in der alden ee. also di schrift 8j)richt an dem vnser herre sprach zu Heliäs: ,Trit in di steinlncke, wen ich wil zu dir konien.' trat her in den stein vnd sach, wi eyn grosses fewer quam vii vorbrante alles daz was, vii der noch wart eyne ertby- dcmuuge, vii dor noch quam eyn rouschendes wasscr vnd fürte das alles hyn-

Beiträge znr Literatur der deutschen Mystiker. 65

wek. in disem allem was got nicht. Das erste was, das her in den stein trat, das meint eynen ewegen vnd vesten willen njnumer mir (1. mer) zu Sunden. Di ertbidemvnge die meint eyne stete vnd veste gotlich vorchte, di do geziret sei mit eyner getrounge zu gote. Daz fewer meint eyn gotrewe Übe zu gote vnd di dem leibe keine rüge lösse. Daz rouschende wasser meint di ynnegen zere, di der mensche weinet vmme seine sunde.. vnd in disen allen was got nicht, Das meinet di weile di sele mit disen toguuden vmme geet, so mak di sele nicht komen zu eyner stillen rue in ir selber. Aber dor noch d6 quam got in eynem wispelen, Das meynet in eyner vnsprech- lichen frevde des geistes vnd des leibes, wenne der mensche mus eyn gelassen sein ynnewenyk vn oussewendik in seine edelste (29'*) craft, vnd in di eyn- formekeit des wesens. Also spricht der prophete: ,dö alle creätüren hatten eyn sweigen, sprach got eyn stilles wort zu myner sele'.

Das est di erste metwach in dem adevent di epystel schribet Jacobus im Y teile vnd spricht (roth).

Sante Jacobus der leret vns, das wir gedoldik suUen sein zu diser lobelichen vnd seligen zukunft vnsers herren xpi, vnd meint das di zornygen vii di hessigen menschen di sint nicht enphelichen des ewegen lebens, vnd dor vmme so saget her vns, wi der ackerman gedoldiclichen vnd frölicheu beitet. Das meint, das wir vns sullen frewen zu diser erberlichen hoch zeit, wenne wer der were, der hir vor neme silber ader golt, der were nicht eyn rechter cristener mensche. Nu spricht her: ,reyneget ouch (1. üchj' Das meint, das sich di fromeu sich nii sullen reinegeu uon allen sunden vnd ge- brechen mit der beichte busse vn mit worer rewe vn mit guten vorsatze, di svnde me zu meyden so her meiste möge, wenne vor, do di cristenheit dennoch nev was, do enphyngen di menschen ; di dor eyn quämen, alle tage gotes leichnam; Aber do di menschen begunden zu kalden do nomen si in alle suntage. also tun noch sumeliche frome leute, di eyn seliges vii heileges leben füren vnd gote lip haben, vnd dor noch wart (29*') di cristenheit aber kalden me wen vor, do gebot man in zu enphoene drei stuut in dem iäre: zu Ostern, zu phyngesten vnde zu weynachten. Aber an dem suntage so gesegente man eyn bröt vnd gap is dem volke zu essen zu eynem ge- dechtenysse der dynge, di vor gescheen wören. Aber hi in disen landen wyet man das salt (?) vnd gibet daz dem volke in dem selben gedechtenysse. Aber wenne man in der messe gotes leichnam aufhebet, so sol man gedenken das vnser herre xpc auf gehangen wart au das beilege croutze, vnd wen man das salcz umme gibet, so sal man bedenken die bittern smerzen vnd peyne vnsers herren Jhesv xpi , vnd ouch , also ich vor gesprachen habe , sal man bedenken, daz di menschen zu allen messen nömen gotes leichnam, vnd dor noch, so man paczam (1. pacem) vmme gibet, das meint, das die leute sullen haben eynen sulichen fride vnder enander. , Sehet den richter an' Das meint, das sich di leute nicht under den ander sullen hassen in dem fride in diser zeit. Wer ken dem ander icht hasses bot der sal daz leuter- lich dorch got vorgeben, wenne der mensche liöt zweiorleie richter: Der eyne ist seyn eygyne gewissen, di in alle wege (29*^) in umme gibet, wenn her icht böses getut; Das ander ist getrevve gvte , das her alle dink sal orteileu an dem iungesten tage. ,das bilde der arbeit' Das meint, das uymmer kein Sitiuugbber. d pUil.-liist. Ul. LXXVl. Bd. II. Hfl. 5

66 Haupt.

guter mensche sal bogorii innssik zu sein, snnder man sal sich stete vben in vornunftigen werken vnd in heileger vbnnge vnd in betrachtunge. Aber leider, das ist alles war, das kalder vnd grober menschen iczunt mer ist wen ir y wart, vn des enwil ich dach (!) nicht anseen, suuder ich wil dach (!) eyne coUacio haben in dise adevent von acht ' vrogen : (1) Wy man sich nv bereiten sal, das man wirdiclJclien enphöe di gebort des ewegen Wortes, das der vater nv in nns sprechen wil in der wirdigen sele. (2) Di ander fröge ist, was gotes gespreche sei in der sele. (3) Dy dritte vröge ist, ap eyne sele sich so lonterliclien bereiten möge, daz got sein eweges wort in sei gesprechen möge. (4) Di virde vröge ist, in wel icher stat is in der sele ader in welicher craft is sei, do das ewege wort aller eygentlichst geborn werde. (5) Di fünfte froge ist, wi sich der geist dor zu halden möge. (6) Die sechste fröge ist, wi sich der leichnam dor zu halden suUe , wen das ewege wort nv gesprachen (!) wirt in den geist. (7) Di sybende fröge ist, ap key (29'') ne craft des leichnames ader der sele möge besteen in eren werken, wen das ewege wort gesprachen wirt in di sele. (8) Di achte vröge ist, weliches di göben sint ader di froiden, di denne der mensche enpheet. (9) Di nvende fröge ist, wo bei man di menschen erkennen sal, di steen in dem gotlichen eynsprechen, vn in den das ewege wort gesprachen wirt. Wenne alles das das man gesprechen mak zu diser höchzeit, Das ist alles begriffen in disen nven frögen vil dor vmme so habe ich si willen ous zu legen noch der beilegen glösen vn noch der lerer ouslegunge.

Neun Frag-en stellt also der Verfasser auf, um sie in den Reden über den biblischen Text in den vier Wochen des Ad- ventes zu beantworten. Am Schlüsse der Predig-t zum ersten Adventsonntage gibt er auf die zweite der neun Fragen die Erklärung-, was die Geburt Gottes in der Seele sei, also: (30'') Nu neme ich eyne fröge von gotes gebort in der sele. nv ist nicht me wen eyn sunderlJch bemiren mite got di sele beruret in eyner heymelich- keit vnd in eyner sunderlichen weise, wenne got spiücht sein wort in allen creätiiren. aber keyne creatiire mak sein gewar werden wenne alleine vor- nunftige creatüren, vnd dor vmme so sal man des war nemen in dem vater also eyn wort, vnd bei deme vater (? sun) also eyne wesenliche persöne, vnd in dem beilegen geisre also eyn siezende zil irre ewegen selikeit, vn ist in der sele also ein widerblik ires vornunftigen bildes (31») vii in allen crefitüren also eyn enthalden ires wesens. Der sele gebot zu gote ist das si sich neiget auf got, vnd sjjorct dem ewegen worte noch ilon-li alle creatüren in das väterliche herze, so entdecket viul entplöset got seine gebort dt>r sele, vnd denne veilet di sele mit übe vnd in bckentenysse auf di gebort, di ir geej'noget ist. also treit der vater sein wort in di sele vnd treit di sele das wort wider in den vator, vnd das wir des Wortes in viiser sele gewar werden, des helfe vna das ewege wort.

' Hier hat der Schreiber geirrt; es nuiss lieissen ,vi)n ninn vragen', wie man .'ins ilcni Ti'Xto i-rsieht.

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. Ol

Am Schlüsse der Predigt über die Epistel des Mittwochs nach dem zweiten Adventsonntage beantwortet er die erste

Frag-e also:

(34-'') Nii nenie ich imsei' vrogen eyne, Dy du von spriclit, wi sicli der mensche bereiten suUe zu dem eweg-en worte. Zum ersten möle, s6 sal her alle creäturen in ym gesweiget haben , also das keine creäture ym zuspreche , das her oncli ir mite nichte zuspreche, wenne in (34'^) weliclier sele di creäturen sprechen, Do enniak der vater seyn woi't mit nichte in gesprechen auf das lovterste. Ich wil sprechen eyn grosses wort , das sullen wenynk leute vorsteen: Di weile di sele spreche er (1. ir) eygin woi-t, Di weile s6 inmak der vater in ir nicht geberen auf das hogeste. Di ander bereitunge, di di sele nius haben. Das ist, das si sich selber lasse alzv mole, di llas ewege wort enphoen sal, daz muz io sein. Dis is* beweiset von sant Paulus uil an unser frawen, in den das ewege wort gesprachen wart, wen also Paulus spricht: ,herre, was wilt du das ich tue?' vnd unser frawe sprach: ,mir geschee noch dynen worten' rechte also mus der mensche seynes selbes ous geen vnd ir selbes vorlouken vnd gotes eigen werden. Di dritte bereit- schaft ist, das der mensche sal syne vornunft auf heben vii sal seen. Also spricht das ewangeliö: ,Saget der tochter von Syon, das si sei das lustliche werk, das dise geleisten mak'. Sich, wi begirlich lier kompt, wen her spricht: ,Dis ist meine freude, das ich wone mit den kyndern der leute'. Sich, wi snellichen her kompt, wen her kompt spryngende vber di berge also eyn rech- calp. sich, wi gewaldielich her kompt, vn (34'=) wen her kompt, so spricht her: ,Icli habe geloufen also eyn rise mynen wek'. Das vierde, das man diser gebort groslich begern sal , wenne eyne gute begerunge ist eyne vs'ortzele aller togunde. Di vnd ander togunde gebe vns der almcchtige got. Amen.

Die dritte Frage beantwortet er am Seh bisse der Predigt über das Evangelium desselben Mittwochs also: (35*) Nv neme ich aber unser frogen eyne di ist also: Ap der mensche sich also bereiten möge, das got sein eweges wort in di sele gesprechen möge. Ir sult wissen, das zwei (35'') erlei not in gote. Di eyne ist: sich got mite Übe vn mit pflichten vorstricket vnd vorlobet bot zu den creäturen, des enlesset got nymmor mir (1. mer), wen di sele bereit ist, her müsse sich ir geben von not vn dor vmme spricht xpc zu Zachario: ,Ich mus bleiben in deinem house.' Es ist eyn ander not: Also ein itzlich gut dink gemeynot alle dem, das seiu enplienklich ist, vnd dor vmme were is wider gotes gute, das her sich vns vorbilde, wen wir sein enplienklich weren. Di dritte not ist, hat eyn andere gewalt vnd eyner not sache un das enmak yn gote nicht gevallen. Dy meister spi-echen , das alle dyc' werk , di di sele wirket mit gote vn in der gnädeu, daä her den Ionen möge, aber nicht also lier wil, wen das werk der creäturen ist gemeyne vn in zeit vnd dor unnnc sint si zu cleyne vnd zu snöde, das in got von rechte Ionen dorfe. aber di werk, di got in vns wirket äne unser zutun vnser craft, vnd do di .sele ous geet irre eigynen werke, vn got mit seynem werke uberhant nyMiet geet di sele ous mit louterm leiden vnd got nympt loutere werk, vnd alle di werk di got also wirkeit (!) in der sele, den ist her scholdik zu Ionen von rechter

68 Haupt.

phlichtekeit. Wenne di werke sint (35«) so gotlich vnd so ewik vn so vmmessyk vnd so nuen in gotlicher ere, das in got nicht anders gelonen mak wen mit ym selben, wen dise sint di edelsten menschen, di dise zeit ge- leisten mak. Johanes sijricht: ,Selik sein dise töten di in dem herren sterben'. Di wcrlt ist in freuden tot vn sie sint in ein (1. in) selben tot. wen also weuynk also eyu töter mensche gestreiten mak weder eynen lebendyngeuj also wynynk mak der ousser mensche gestreiten wider den ynneren. Dis haben si dorchgangen mit grosser iibunge vn mit vil gebetes. wenne man vyndet vnder disen uewen beilegen,' di itzunt leben, das sie vngerne icht hetten vnd das sie keines gebrechens nicht enachten vnd di geselle- schaft der menschen nicht flien, vnd vor disen selben huttet euch ap ir selik weit werden.

Am Schluss der Kede über die Lection des Mittwochs

in der Quatember nach dem dritten Adventsonntag-e wird die

vierte, fünfte und sechste Frage also beantwortet:

(38") Nu ist eyne vröge, in welicher stat der sele wirt das ewege wort aller eigentlichest geborn. Di ersten sprechen in der vornunft, wen si gote aller gleichste ist. Di andern sprechen: Is werde geborn in dem willen, wen her eyne freie craft ist der sele. Di dritten sprechen : Is wei-de geboren in dem teile das hcisset eyn funke der sele, wenne her gote aller nesten ist. Di fierden spreclien: Is werde geborn in vor (38*^) borgenkeit des gemuttes, wenne also ofte also eyn mensche enphet eynen guten gedanken von der menscheit vnsers herreu Jhesu xpi ader von dem ewegen worte ader enphj'ndet einer newen lost ader vorsteet eyner newen wörheit, Also ofte also diser stucke keynes geschit in dorn menschen , also ofte wirt das ewege wort in der sele geborn. Di fünften sprechen vn mit den halde ich is allermeist: is werde geborn in dem aller ynnersten des wesenes, vnd des werden gewar alle crefte der sele. Nu ist eyne fröge: wi heldet sich di sele dor zu? Nv merket, si trit in eyn louter leiden vii lesset gote wirken noch alle seinem willen. Wi heldet denne der leichnam dor zu? Der ist in eyner stillen rue, also daz her keine bewegvnge nicht mak gehaben seiner gelider, wen di oberisten crefte iiaben denne dy nydersten eyn geholt vii steen alles in eyner stillen rue, vnd in den wirt das owego wort geboren gleich in dem geiste vnd in der libe. vnd dor vmme sulle wir gote mit tleisse bitten das her uns gebe , daz wir dis ewegen Wortes euch gesmecken vnd enphynden müssen, hy in eynem vorsmacke vnd dor noch dorte in dem ewegen leben sein ewic- lich gebrouchen mvssen. Amen.

Was ist es nun mit den andern Fragen? Auf die achte und neunte Frage steht die Antwort bei Hermann und in der Hs, und zwar beidemale am Schluss der Predigt am acht- zehnten Tag nacli Weihnachten.

' Wen versteht der Auetor unter den neuen Heiligen? Wie an anderen Steilen die ,Pfaflon'?

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker.

69

Hermann S. 55.

Nu neme icli di achte vräge: welicli di gj'ibe oder di fruchte sin di dem mensche gegeben werden in deme daz Owige wort gesprochen wirt. Daz erste ist: der mensclie wirt ver- einet mit gote. Daz ander: her wirt gotis sün von gntlden. Daz dritte: her wirt gotes erbe. Daz virde: alle kncchtliclikeit vellet ime abe. Diz sprichit sente Paulus und benimet dise voUekumenheit alle vire, da her sprichit: ,in Ki'isto enist weder Jude noch Kriche, noch wip noch man, noch knecht noch vrie: si süit alle ein in Kristo und sint gotis sune; und sint si sune so sint si erben von gote'. Unde dise vorgenanten stucke di zweite und dise vii-e de bewisen daz hoste leben daz dise zit geleisten mac. Welich mensche der stucke au irae nicht enliät und dar ane ver- sümit ist daz her ir nicht wil irkrigen, dise gebrechen nennit sente Augusti- nus geistliche sunde. Der ir aber nit enhat und di vorgenanten stucke ir volgit hat, zu deme mag der hime- lische vater sprechen : ,diz ist min Über sun in deme ich mir wolgevalle'.

Nu neme ich di nunden vrage, wo bi man disen menschen irkennen sulle in deme daz ewige wort gespi'ochen were. Daz erste ist: dise lüte sint gestorben blute uiid vleische und alle irre begervnge. Also sprach sente Paulus: ,srder daz daz ewige wort in mir enteckit wart daz iz geborn wart, so engelebite ich nunimer mer blute noch vleische'. Daz andere stucke ist : daz lipliche vroude und alle zirde dirre werkle ist alse ein sur wint in irre sele. Dar umme spriciiit sanctus Gregorins : ,werltliche vi-oude und werltliche ere enist nicht danne

Hs. 2845.

(71<i) Nu neme ich die achte vrogc di icii nu lis, Di saget von den dyngen welich es di goben in der frögen sint ader di frochte di dem menschen gegeben werden in deme das ewege wort gesprach en wirt. Das erste ist das der mensche mit gote voreynet wirt. Das ander das her gotes son wirt von guädeu. Das dritte das her gotes erbe wirt. Das virde das ym deuae alle knechtlich keit abe vellet. Dis spricht sant Paulus und nennent (!) dise volkomenheit alle vire: , ju christo ist wede Jude noch criche, noch weip noch man, noch knecht nocli frei, wen sy sint alle gotes sone vii seint si sone so seint si onch erben von gote'. vnd dise vorgenanten stucke di zwelfe vud dise vire di beweisen daz högeste leben das dise zeit geleisten mak, vud Avelicher mensche diser dynge nicht enhot vnd dor an vorsaumet ist, also das her ir nicht ercrigen wil , vnd disen gebrechen nennet sante Augustius geistliche sunde. Der ir aber nicht enhette vnd dach di vorgenanten stucke derworbenh6t(7-J^) von den mak der vater von hymel- reiche wol sprechen: ,Dis ist mein Über son in deme ich mir wol gevalle'. Nii neme ich di nfiende froge, di ich ouslegete in der ersten mytte- wachen wi do ousgeleget wart, wo bei man eynen suliclien menschen erkennen sal in deme das ewege wort geboren wirt. Das erste dasder mensche gestorben sei blute vnd fleische vn alle irre begerunge. Also sprach sant Paulus: ,Syut das ewege wort in mir enttecket wart so lebete ich nymmer deme blutte noch deme fleische'. Das ander ist di leipliche freude , dy ist also eyn swert in der sele vnd iäch also eyn totlicher vynt, vn dor vmme spricht sante Gregorins: ,werltliche

I

70

H au p t.

uugerochene bosheit'. Daz andere ist : dise lute siiit näwe horchore in sich selber, waz got in si S])reche, als der prophete DÜA'id sprieliit: ,ich wil hören waz got in mir spreche'. Daz dritte: dise lüte sint unentsetzeliche, und nimant mac si erzornen noch betrüben. Also sprach Kristiis: ,in üwerre gedult sult ir besitzen üvvere sele'. Daz virde ist: dise lüte keren alle dinc zu dem besten. Dar umme mugen si nicht geergert werden von der bosheit alle dirre werlde, also sente Paulus sprichit: ,wir wizzen, daz den got minnenden alle dinc zu ffute komen'. Daz fünfte ist : si en- begeren über nimanden zu sine, sun- der si leben in dirre werlde alse ob nimant ensi danne si vnd got alleine. Dar um so gebirt der hinielsche vater in in sinen sun fine underlaz, vnd dise geburt ist gemeine allen men- schen di sich dar zu wollen keren. Dar umme nennet si got eine hlumen des veldes, wan di veltblume mac brechen wer da wil, wen si ist ge- meine, und si wesset gerne an dürren steten und hat einen harten stengel und hat fünf bletere uffe irme stamme. Diz läze ich allez legen. Bitet got daz wir dirre warheit also gelebeu, daz wir mit ime sin ewiclichen. amen.

frende vnde werltliche ere di (en) en ist nicht me wen eyne vngerurekeit der bosheit. Das dritte ist das diser mensche alle zeit höret in ym selben was got in ym spriclit. also siiracli lier David: ,Ich wil hören was got in mir spricht'. Das virde ist das diser mensche ist unentsetzlichcn wene uymant mak si erzornen nocli betrüben, vn dor umme sprach Chri- stus zu sey (72'') neu lungern; ,in ewere gedolt wert ir besitzen ewer sele'. Das fünfte ist Das dise men- schen alle dink di koren si io zu dem besten vnd dor vmme so en- mogen sie mit nichte geergert werden. Also spricht sant Paulus ; ,wir wissen das wol das den fromen menschen alle dink komen zu gute'. Daz sechste das ist das si nymandes begern zu Seen, svnder sie leben in diser werlde rechte sam nymant sei wen nvr sie vnd got alleine, vn dor vmme so ge- biret der hymelische vater von hymel- reich in en (1. in) synen son äne vnderlös, vnd dise gebort ist gemeyne allen menschen di sich dnr zu keren wellen, vii dor vmme so nennet sich vnscr herre Christus eyn veltblume, wenne rechte sam di veltblumcn di mak aller lei menschen w(d nemen, wen sy sint gemeyne vnd frei, vnd si wechset ouch nyrn wen auf dorrem ertriche vii si bot ouch eyneu lierten Stengel vnd höt nver fvnf blettere. vnd was hy bei bedeutet ist, das wer zu lank nv ouz zu richten sunder wir suUen bitten gote vnsern üben vater daz her vns gebere zu dem [l'i") ewegen leben vnd des helfe vns got allen, amen.

Hennaiiii hat also iiutli wendig- aus einer Saiiiniluiig- ge- schöpft, die mit dei- uiisern nahe verwandt war. Die Ant- worten auf die Fraji;en 1—7 kann er gar nicht enthalten, da er die Predigten über die Episteln und Evang^elien der Advent-

Beiträge zur Literatur dor deutschen M3'stiker. l 1

zeit in seine Auswahl nicht hinüber geuoninieu hat oder hin- über nehmen liess.

Diese neun Fragen sammt den Antworten finden sieh als achter Tractat des Meisters Eckhart bei Pfeiffer abgedruckt H. 478 fF. Ich sehe von der grösseren Ausführlichkeit, die besonders den Antworten auf die Fragen 3—5 zu Theil geworden ist, ab. Wichtig aber ist, dass die Antworten auf Frage 2 9 mit den Worten schliessen: ,des helf uns got, die (daz) geb uns got, zuo der wärheit helf uns got', d. h. mit den Worten, mit denen die Schlussreden der Predigten meist eingeleitet werden und auch in unserer Hs. damit schliessen, wie wir gesehen haben. Ferner kommt in Betracht, dass bei Pler- manu die Stelle des Evangeliums ,diz ist min über sun, in deme ich mir wol gevalle' erläutert wird, nämlich welche zwölf Stücke der Mensch besitzen müsse, um Gott wohl zu gefallen, dann wird erst die achte Frage' beantwortet, oder von den vier Gaben und Früchten geredet, die ein Mensch geniesst, in dem Gott wieder geboren wurde.

Das Evangelium , die Erklärung , die achte Frage und Antwort alles fugt vortrefflich bei Hermann nicht so bei Eckhart. Er kommt erst nach der achten Frage auf diese Dinge zu reden und hebt an: ,Nu iiime ich daz wort: daz ist min lieber suu in deme ich mir wol gevalle' etc. Damit ist aber der ein- leitende Grundgedanke, der bei Hermann S. 54, Zeile o 14 der Erklärung voraufgeht, vollständig übersprungen, und die ganze Folge der Gedanken in Unordnung gebracht.

Offenbar ist dieser Tractat aus den Werken Eckharts zu beseitigen ; er ist eben entstanden, indem ein Liebhaber sich die neun Fragen und die neun Antworten aus dem grossen Sammelwerke heraus las und zusammen schrieb. '

Bei Hermann von Fritzlar findet sich noch eine andere merkwürdige Thatsache. Er hat nän)lich noch eine oder mehrere Theorien vitn der Geburt Gottes in der menschlichen Seele an den Schlüssen seiner Legenden verarbeitet, aber nicht

' Aus dem Quellenverzeiehnisse, das Fr. Pfeiffer S. VIII X seinem Eck hart vorantjestellt hat, ist genau zu ersehen, woher er diesen sogenannten Tractat genommen hat; diese Hs. aber wäre gerade sehr wichtig zu kennen und /.war im einzelnen, es ist der S tu ttgar ter cod. theol. ö". Nr. IS.

.72 Hdupt.

an den Schlüssen aller, sondern nur derjenig-en, die in die Ad- vents- und Weihnachtszeit fallen . und zwar finden sich die Stücke 11. Barbara 4. Dec. Nicolaus <). Dec. Lucia 13. Dec. Thomas apost. 21. Dec. Silvester 31. Dec. endlich am Tage Pauli P]remitae 10. Jänner resp. 15. Jänner ,Wi man diz kint ctzen suUe vncle sougen . . . wi man dax kind wigen suUe viid singen.' Diese Stücke kommen in der Hs. 2845 nicht vor, da die Schreiber alle Heiligen grundsätzlich ausgeschlossen haben. In eben dieser Handschi'ift handeln aber alle Erklä- rungen vom ersten Sonntage im Advent bis zum Sonntag ,also man das alleluia leget' nur von der ewigen Geburt.

Ist dies ein Zufall? Gewiss nicht! Her mann und die Wien er Hs. haben, wo nicht unmittelbar, so mittelbar, aus einer Vor- lage geschöpft, in welcher die Evangelien und Episteln auf die Tage der Heiligen sammtden Erklärungen nicht von den sonn- und werk- täglichen geschieden waren. Sie gehören alle zusammen, wenn diese Erklärungen auch von verschiedenen Verfassern herrühren.

3.

Von verschiedenen Verfassern w^erden dieselben ohne Zweifel herrühren, wie schon aus der Art und Weise, die Episteln und Evangelien zu erklären , kann gezeigt werden , auch der ver- schiedene Stvl gibt dafür Zeugnisse. Auszuscheiden sind vor anderen die Predigton über die neun Fragen mit ihren Ant- worten, die bestimmt nur einem in der Mystik vertieften Manne angehören. Die anderen gehen weit auseinander, besonders diejenigen, die nach den Weihnachtstagen fallen. Aber der- jenige , der zuerst diese Predigten in ein Buch versammelte, muss sie stark überarbeitet haben, wenn auch nicht alle in gleichem Masse.

Zwei Eigenheiten des H ermann ischen Legeudenschrei- bers linden sich nämlich auch in diesen Predigten der Wiener Hs. Fr. Pfeiffer sagt von der einen S. XIX: , anziehend sind die da und dort eingestreuten Schilderungen von Sitten, Gebräuchen und (^ewohnheiten in Italien und Spanien, die, wenn auch nicht so häufig angebracht als zu wünschen wäre, doch nicht wenig dazu beitragen, der ganzen Darstellung Leben wnd Farbe zu geben*.

Die zweite der Eigenheiten, die aber Fr. Pfeiffer, wer weiss aus welchen Oniudon, unterlassen hat hervorzuheben,

Beiträge zur Literatur lier dcntschen Mystiker. 73

besteht in den zahlreichen Ausfällen gegen die. Pfaffen; ja der Sammler lehnt sich geradezu wider dieselben auf, und es gehört gewiss ein ganz eigener Geist dazu, die Feinde Christi mit der geistlichen Gewalt und mit den Pfaffen nicht nur zu vergleichen, sondern beide als eins darzustellen. Aus dem gedruckten Texte bei Hermann werde ich unten eine kleine Blumenlese der Aussprüche des Verfassers in dieser Beziehung zusammen- stellen, denen sich dann einige aus der Hs. anschliessen sollen. Für die erste Eigenheit, fremde Sitten und Gebräuche zu schildern, wähle ich ein grösseres Stück statt aller übrigen aus, nämlich die Beschreibung des römischen Carnevals mit der geistlichen Bedeutung. Der Verfasser gibt dieses Stück als Glosa zu der Epistel Pauli ad Corinth, IX vom Sonn- tage ,also man das alleluia leget'. Die Stelle, auf die er sich zunächst bezieht, lautet in der Uebersetzung f. 24^: ,Brvder, euwist ir nicht, das dy in den wetelovfen des siges alle lovfen, aber eyner nymjjt das lön. lovffet also das ir begreitfet das liemelreiche' u. s. w.

Beschreibung des römischen Carnevals.

(SO*') Ejne glösae spricht das alle togvnde loufen, aber mynue di begreitfet alleine das zil. ouch spricht eyne andere glosa das alle crefte der sele louf- feu, aber vornunft begreiftet alleyne das zeil. Nu spricht Dyonysius, das der louf der sele sei anders nicht weue eyn abescheiden von allen vorgenklichen dyngen vfi eyn zufügen zu dem ewegen leben, wen ir sult wissen zu vor ous, wer ummc sant Paulus dise epistele schreibet, wenne das meynet das di Komer haben vier spil vor der vasnacht vor dem gemeynen volke.

Das erste sjnl das liaben si zu Capitollien vor deme richtehouse, vnd do henget man an eynen bogen von eynem hirzeu vnd zweierlei wiltbrete von andern tiren vnd alle di besten louÖ'er, dy do zu Kome geseyn mögen vnd in allem romyschem lande vnd di steen verre ous vnd man geboutet in eyn zil vnd dor zu müssen si loufifen, vnd welicher denne der erste ist zu dem zile vnd das vleischc anruret, dem gibet man is vnd funfzik goldyne dor zu, vnd dennoch so bot her do von grosse ere vnd alle seyne frunde.

Das ander spyl Das (Üd") ist auf sant Angenytttu platze, ire kirche steet vnd do sy in das böse hous gefurt wart. D6 hanget man eyn goldyn vyngerlein an eynen vadem vnd das wiget wol virzik goldyne, vnd wer denne dor dorch reitet mit seynem sper vnd füret is ous dcmc zile des ist das vyngerleyn. vnd dise renner di siut di aller besten renner dy du in allem romeschen lande sint viid di reuneu also blös vnd das volk daz wirft si mit steynen wer wil also, das Senatores di do ofte' flien von dem platze. Aber weme das vyngerleyn wirt, den heisset man eynen tewern helt des leibes vnd der eren dl ym von erboten wirt.

Das dritte spil das ist auf sante Vabyanen berge, dor auf so .stecket man eynen newen Schaft auf ej'ne mermelsteynyne saule, di stet auf deme

74 U a u p t.

berfje, vnd au dfii schaft heiifjet man eynen neweii l)aldekoyn vnd den halde- kt'iii don stpekot man auf sein lious vnd [di] aller besten pliert, di du aller besten loutl'en, dy in aller Römer lande sint vn di siut alle aldo gesament, vnd alle di di auf den pferden sitzen sulleu, dis siut di besteu Römer, di in dem lande mögen sein, vnd dy (t^'''') haben ire Imupt zusamene ge- bvndeii mit tvcheren haben nicht mir (1. mer) au wenne blosse hemede vnd di sint korz, vnd dise halde verre von deuie zele vnd haldeu gleiche vnd macheu eyu zeichen al vnime zu ryuge, vnd wer denne den schaft zu dem ersten ruret ader daz baldekeiu vnd dem wirt is vnd dor zu funfzik goldyne. vml di spylluute di do sint dy machen ym grosse freude vnd erliche spil erden keu sy ym vnd beleiteu in in sein hous. vnde do von so höt her grosse ere vnd alle seine früude. vnd hir auf schreibet sant Paulus di epistele vnd spricht: ,loutfet alle bis das ir begriffet das zil'. vnd ouch beweiset sant Paulus das wir alle leiplichc diuk suUen keren in eynen geistlichen syn. Eyn itzlieher mensche der louti'en sal der entheldet sich von allen dyngeu dy in hyndern uuigeu, vnd das meynet das wir von vus wcrffeu sullen aller (!) vnd von uns legen sullen alles das uns gehyndern mak an dem wege , der weiset vnd geet zu gote. wen wir suleu dise anseen, sint si dis tven vmme eyue vorgenckliche cröne, mychels mir (1. mer) sulle wir dis tuen vmme eyne ewege vu (5)0") vorgenkliche cröne. Das meinet sam her spreche: siut dise menschen so grosse arbeit haben vmme leiplichc ere vnd vuim gut, das dach gar korze weile wert vnd vorgenklichen ist, ymd haben dur vmme grossen crik: Noch mir (1. mer) sulde wir crigen noch dem ewegen gute.

Das vierde spil das ist an dem suntage vor der vasnacht. so nemen di Römer sechs karren, di also swer sint also eyu wagen in diseni lande, vnd dor vor spennet man zwelf ioeh ochsen, vnd auf disen karreu leget mau zwei wilde sweync vnd eynen woIf, vud füret si auf den berk , man ous geet zu der phorten sant Paulus, vnd höt sich denue das lautfolk alles ous der stat gesamcut vndene au deme berge, vnd etliche halden auf pherden vud dise siut wol gewöpant (!) vud haben spisse vn swerte, eysen vud liellem- barten. vud di zal dis volkes achtet man gros wol auf hundert tousuut man, wenne etliche komen nuert dor vmme dar das si das spil wellen beschaweu vnd steen gar verre. etliche andern di wellen ouch haben von dem wilt- brete von den ochsen vnd von den ^'.10'') sweynen. Aber di zeuatoris, das heissen di eldesten von Röme vnd komen mit grossen ereu mit den Röme- ren vud haldeu verre von dem vidke vn seen zu, so lesset man denne di karreu Inuffou von dem berge vnd so ist der karie gar swer vnd vellet vber di ochsen von der böge des berges, vil di ochsen sint stark vnd zubrechen denne ilen karen vn di seile eyn zwei (l. enzwei), vnd louffen vnd der wolf louffet, vnd (ii sweyu vud das v(dk loutlet vnd reittet vud sticht vnd sleet si iiyn wider, vnd weme denne des fleisches iciit werden mak den heisset man eynen kunneu helt des leibes vnd höt von grosse ere von den leuten. ader driuo des vlcisches icht wirt der ist zu möle eyn kouik vud eyu kempe. vnd ">ueii sint di oeiisen also stark vnd stösseu gar sere mit den hörnen das das geme^-ne volk flöget, alter di schissen vml rynnen mit den glefeueien vnd velieu di tier. aber is kompt ofte, wenn si is gevellen, so komet das gemeync vulk \iid wlrffot so srn- mit sti'vnen fW'^) vnd treiben di andern

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. 75

lior alle, viid wer dor vuder ieht dnr zu Ironien innk, das her der tierc ichtcs abe gpsnciden niak ader gehawcu, ader eyii hör dor ous gezien niak ileiu wolfo ader ous der andern ticre e.yues (!), der nyiupt daz ouf sein houpt und kompt erberlichen kein Rome. vnd wenue dcnne di tiere aller gevellet sein vud geteilet sein, so lesset man den anderen karren lontlen, vnd also lesset man io eynen karren nöcli dem andern louffen. vnd wen denne di tierc gar gevellet werden vud dise dink aller gescheen sint vnd das dise habe aller vorrucket vnd geteilet wirt, so sint denne vll iungelynge, di sich geteilet iiaben vnd gecleidet und oueh ere (1. ire) pherde, di do zu disem spyle reiten, vnd di alle zien von in ire cleider vnd werfen sie von in vnder das gemeine volk, so si aller verrest mögen, vnd di bufen di reisscn dy cleider vnd di decken von den rossen, vnd weme der cleider eyn pflacke, werden mak, der hüt du von grosse ere. vnd uucli füren sy seydyne banyr in iren liendeu, di werfFen si ouch vnder daz volk. vud wen dis zu mole (90"^) also gesehen ist, so begyunen di alden Römer zu reiten in di stat, vnd das gemeine volk beginnet sich zu werÜen vuder enander mit steyneii. Aber die pilgeryni vnd di frawen, den tut man nicht, aber wer den andern worfFe dorch neides willen ader von hasse ader in sloge der hette leip vnd gut vorlorn, vnd den sulde man sleiffeu zu Röme dorch alle gassen.

Die zweite Eig-eulieit des Verfassers ist sein Widerwille gegen die Pfaffen. Einige Stellen dafür finden sich auch in der Auswahl Hermanns:

1. In der Rede über die h. Barbara S. 14, Z. 1:

,al86 tun alle di di werltliche wise vnd werltliche bilde vnd werltliche wort und sorge der werlde füren in ein geistlich leben, und dise sint zumäle böse. Aber di da geistlichen schin tragen und ein geistlich herze, daz ist reht geistlich leben.'

2. In der Rede über die dritte weihnachtliche Messe S. o3, Z. 37 redet er von ,ungelerten Pfaffen'. In derselben Rede S. 34, Z. 4 heisst es :

,iz sint eteliche mutwillige lüte under pfaffen und under leigen , di al zu sere buwen üf iren eigenen sin."

3. S. 49, Z. 11 erklärt er das Evangelium zum zwölften Tag und da schreibt er: „Under Herödes'. Daz dute ich nu als eine geistliche gewalt'. Wie er nun den König Herodes oder die .geist- liche gewalt' genonmien wissen will, sagt er in derselben Rede k>. OÜ, Li. '2o: ,daz Herödes dez kindes vient were gewest . . .• Z. 2< : ,Herödes bete sorge das sich das kint verborgen hetc . . .• Z. L.): , Herödes was ein höchvertig man . . .*

Diese Stelleu befinden sich mit Ausnahme der ersten alle auch an den treffenden Orten in der Hs. Das Evangelium der ersten weihnäclitlichen Messe bei Hermann ist: ,Dö Maria, Jesu muter was geniälet Jösepe'. Matth. I. l>>. In der Hs. 284Ö ist es aber: ,Eyn keyserlich gebot gynk ous von dem keiser Octauiano- Eucas 11. 1.

76 iitiupt.

Was Hermann i^ibt, ist liier in der Hs. das Evangelium in der Messe am Christabend.

In der Predigt über das erste weihnäclitliclio Evangelium findet sicli in der Ils. Folgendes:

t. 4(S''. Eyn meister spricht: vndcr diser decke wirt manecher valscher son peboni. zum crersten siut si schone (1. soiie) von dem blutte, wenne si di heüe<re schrift alzu nöen welhni reden vnd zu sero wellen twyngen zv vorstcene ... Di andern sint sclione (1. sone) von dem fleische wen si di beilege schrift zieu vnd helfen irre nätüren vii suchen di lere, di in dis beweren vn das predigen, vnd flien alle di dink di swer siut vnd di irre nlitüre wider sint. . .

Wie man sieht ist diese Stelle aueli dem Ausdrucke nach verwandt mit der in der Predigt über das dritte Evangelium bei Hermann S. 33, Z. 33 fF. in der Hs. 52g— 52\ Auf der letzten Spalte hat einer, der Anstoss genommen hat, sogar zwei Zeilen ausgekratzt.

Eine der stärksten Stellen oder vielmehr eine vollständige Rede gegen die Priester ist die folgende:

f. 80*. Ir Salt wissen, das di getrewe lere vnd di gesunde itzunt wynvnk ist, weinie di lerer sint sich das meiste teil. Nu sult ir merken, das di natürlichen meister sprechen , das g-rösser sichtum kome von vber- flossikeit der speise vnde des trankes, vnd hir mite ist gemeinet, das alle di lerer, di do alle iren fleis vnd alle ire arbeit dor vmme tuen, vmme das sie erkrigen gut vnd werltliclie ere, vnd di sint tme zweifei alle geistlichen vngesunt, vnd ire lere di ist gar an manechem gar vngesunt. Nv kompt etliche svche do von, (80'') daz in dem menschen di leber vnd di lunge begynnet in zv fulen, vnd meynet dise lerer, di also gar vorgrobet sein in iren ynnern creften also an dem willen vnd vornunft vn erkentenysse, di si svlden üben in der wörheit. Aber leider di lerer di sint nv alle gekfirt zu Icipliclien dyngen, vnd dor vmme so hassen si ander menschen, di von der wörheit reden ader der wörheit leben. Ouch kompt etliche suche von uberiger hitze, vnd meinet di menschen, di do leibes gemach mit al zu grossem fleisse suchen . . . vnd dor vmme so ist itzunt gar selzen zu sprechen vnd zu leren gesvnde vnd worftege (!) lere, wen di wörheit ist itzunt gar sere gefelschet vnd di wöi'liaftigen lerer di torren itzunt nicht sprechen di wörhaftige lere . . .

In dieser Weise fährt der Verfasser fort über die Unter- drückung der wahrhaftigen Lehre bis f. 81'^ Ich übergehe die Stellen gegen die Reichen und Gewaltigen dieser Welt ' f. 83^'^ und führe ])loss noch eine entscheidende an:

' Mit den weltlichen Herren verfährt der Verfasser oder Sammler nicht säuborlidier als mit den geistlichen. Die Stellen dafür Hessen sich hänfen. Alan vergleiche das Bild, das er von den weltliehen Königen entwirft, oben in der ersten Predigt.

Beiträge 7ur Literatur der deutschen Mystiker. 77

f. oO*^. das di reichen leutc di armen st-re drocken vnd das eyn armer mensche itznnt nj'nder keyn recht hot weder vor geistlichem gerichte noeli vor -werltlichem gerichte ... I. 85'^. Ich weide in halden vor eynen guten prister, der do über beichte horte eynes armen menschen wenne eynes grossen vnd reichen menschen, vnd dem armen menschen ouch Über gotes iichnam gebe vn über vber in armen menschen gynge der sich were denne vber eynen reichen. Ach vnd öwe ! wi wenynk sulicher geistlicher prister sint, icli wil der werltlichen gesweigen.

Alle diese Ausfälle finden sich aber nur in dem Theile unserer Hs., welcher die Predig-ten für die Zeit vom ersten Sonntag-e im Advent bis zu dem Sonntage enthält, ,also man das alleluia leget'. Sie erweisen sich auch dadurch als zu- sammen g-ehörend und überarbeitet. Die ursprüngliche Samm- lung- ist aber wie bei Hermann, so auch in unserer Hs. nur in ausgewählten Stücken erhalten.

Bei so be wandten I'mständen erhebt sich die. Frage, ob nicht noch eine dritte Hs. irgendwo vorhanden ist, die uns über verschiedene dunkle Punkte das sehnlichst gewünschte Licht aufstecken möchte.

Allerdings liegt noch eine derartige Hs. in der k. und Universitätsbibliothek zu Königsberg. In Bd. XHI. der Zeit- schrift f. d. Alterth. S. bol beschreibt Steffenhagen dieselbe also:

XXI. no. 896, früher LH. 14, pap., XV. Jahrb., 155 Bl. kl. Folio (11 Vs" hoch und 8V2" breit).

Bl. 1* . . . 155*^: Predigten zu Anfang und am Ende un- vollständig von der Adventszeit bis zu dem 24. Sonntage nach Pfingsten, nach der Ordnimg des Kirchenjahres, demnächst noch für verschiedene Tage.

wirt in dem geyste. Dy sebinde vrage ist, ab keyne kraft des lichamis adir der sele möge besten in eren werken u. s. w.

Der erste vrytak in dem advent schribet sanctus Jo. ewange- lista von Johanne baptista, das lier was predigen in der wustenunge u. s. w. So Steffenhagen.

Diese Königsberger Hs. beginnt 'also mit dem Lude der Predigt über die Epistel Jacobi am ersten Miltwoch im Advent, wo am Schlüsse die neun Fragen aufgestellt wurden.

78 Haupt.

Diese neun Fragen sind in der Wiener Hs. aiif 29"*^ zu lesen und g-enau schliesst sich aucli hieran auf 29'' zuerst die rothe Ueberschrift:

Das ewangelio mathevs in dem III teile vnde spricht (hinn beginnt die Predigt:

Sant Johannes ewano-elista schrei})et von Johannes baptista wi der dynsthaftik waz in der wvstcnvnge u. s. w.

Es ist also gewiss, dass in der Ivö n ig sb erger Hs. eine andere Abschrift unserer Predip-tcn vorhanden ist. Diese Hs. umfasst das ganze Kirchenjahr, während die Wiener Hs. nur bis zum Charsamstag reicht.

Hermanns von Fritzlar Vorlage scheint ebenfalls das ganze Kirchenjahr umfasst zu haben, bestimmt war dieselbe ein sogenannter Wintertheil.

S. 117 ,8ancte Georjen Tac' schreibt derselbe oder viel- mehr lässt er schreiben , wie Christus als ein getreuer Lese- meister uns sieben Lectionen an dem Kreuze gehalten habe, um uns zu lehren, wie wir die sieben Hauptsünden überwinden

sollen. Hierauf fährt er fort S. 118, Z. 9 ff. : ,wiltu andene lec- cien sibene, di vnser lierre las an deme krüze, so suche iiö'e den guten fritac di siben wort di unser herre sprach an deme kruze'.

Wir haben hier einen neuen Beweis, wie Hermanns Bluraenlese aus einem grossen Werke genommen ist. Der Verweis auf den guten Freitag, nämlich den Charfreitag, hat nur Sinn gehabt in dem Buche, wo derselbe auch enthalten war, bei Hermann kommt derselbe aber gar nicht vor! Man könnte nun allerdings meinen, dass es sich nur um die sieben Worte handle, die Christus am Kreuze gesprochen hat, aber Hermann fährt nach der Stelle unmittelbar fort: ,Diz buch der marter vnscs lierrcn sal der mensclie vlizeclichen ane sehen wan her zu gotis licham wil gen, wan das liden nnses herren ist ein schulde aller tuginde'.

Der Leser wird mit den letzten Worten auf ein .buch der marter unses herren' gewiesen, das er fleissig ansehen soll, wenn er zum Tische des Herrn (zu gotis licham) gehen will. Nun kr»nnte man alh^i'dings nur die Leidensgeschichte darunter verstehen, aber in welchem Evangelium linden sich alle sieben Worte am Kreuze beisammen? In keinem. Wir stehen damit schon dem , buche dei" marter' näher, das der Verfasser meint. Nothwendig muss es nach seinen Ausdrücken eine Leidens- geschichte enthalten und die sieben Worte Christi am Kreuze

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. i 9

erläutern. Ein solches Buch ist nun auch in der Wiener Hs. 243*^ 253*^ zu lesen. Die rothe Ueberschrift lautet:

nv merket vlisiklichen von dem heiligen sweren grosen pytern

leiden vnsers herren. Das Buch selbst beginnt :

Nv welle wir sprechen von deme leidou vnsers lierren Jhesu Christi, vnde weliches die lente seyn, di sich dor ynne vbcn vri di sullet ir merken ...

Die Leidensgeschichte ist auf die sieben Gezeiten ver- theilt d. h. in Einleitung und sieben ,ColIacien' und sind in der Hs. zu lesen :

Die Mette 244^-247»^ Die Prime 247^-248'= Die Terzie 248^—249'= Die Sexte 249''— 250<= Die None 250=— 252^ Die Vesper 252^—253'^.

Nach abgethaner Vesper schreibt der Verfasser: wiltü vorbas lesen von diser conplete, so suche do vor in diseni buche, do sich di passio anhebet. Hie sint vnderselieiden di siben gezelt (1. gezeit) vii waz eyn gut mensche sal betrachten auf eyne iczliche zeit, vnd alle weo;e gewisse glose habe ich avs geleit, ati auch die meynvnge der wort von der passio di habe ich aus geleget doi*ch der kurtze, vnd onliabe ich audi nicynes synnes nicht dor vmme gebrochen snnder nier di beilegen vnd di lerer gotes. bitet got vor mich, dez beger ich von alle den, di dis buch lesen vnd sjire- clif^u. amen.

Wir haben also hier das ,buch der marter' und die Er- klärung der sieben Worte in der None, die ich hersetzen will, da dieses Buch dem ursprünglichen Sammler zugehört.

200*^. Hie gehet avs die sexte. vfi dise collacic sal man halden von der .sexte zeit.

Nv merket ir kynder gotes : hy hebet sich an dy none vnd merkt dy stucke di man dor zu betracliten sal vnd die sint gar ynnyk, weniie ich wil si sprechen noch essen, wenne si synt gar von geistlichen dingen di do ge- schögen.

Jhesus an dem cri'ize hynk, Czvm ersten merket di siben wurt di Jhesus an dem crüze sprach, etliche meister nemen siben slos ader silien slossel. Dy andern nemen siben bucher di nymant volleren kau. Die dritten nemen siben volko Ci-^O'') monheit, (!; wer di hehlet rechte der veret äne mittel in das ewige leben.

(1) Das erste wort daz Jhesus an dem crüze sprach das ist: ,vater, Vfir(;-ip in, si enwissen nicht waz si tvn'. Das nicynet eyne grosse vid- komenheit das der mensche seyue vynde lip höt vnd mer vor si bitet wenne

80 Haupt.

vor spyne vrünt vnd entscholdiget sy alzo verre also her mit der worheit mak. Die meister sprechen von disem gebete, daz Christus tet, worden fvnf hvn- dert mensche bekärt. Di zvpyne schecher dy bey ym hyngen, der eyne spotte seyn vil mpr.ach : ,bi3tu es Christus gotes son, so erlose dich vnd auch vns.' Do sprach der ander zu der rechten Seiten vude stroftc disen: ,du bist in demselben tode her ynne ist, vorchtes du got nicht?- vnd sprach zu Jhfsn: ,lierre, gedenke an mich, weune du kommest in deyn reiche.' (2) Do sprach Jhesus daz ander wort, Marcus: ,vor wfire sage ich dir, du salt hevte mit mir seyn in deme paradiso'. Daz ist eyn wort hoger barmherzikeit, das got so leichticlichen vnde so snellichen disem bösen menschen vorgap alle seyne sunde, wenne di schrift spricht, daz her nykeyn gut werk hatte getan alle seyne tage, her strofte in nicht vmme seyne svnde, her vorgap ym zuhant alle seyne missetfit. vnd noch waz her der erste der y gestarp noch Cristo vn selik wart. Dis ist eyn grösser tröst allen svndern, di wider keren wellen von allen svndeu zu gote. Judas wart eyn son vnrechtes zweifeis, aber der schecher wart eyn son wörer hoffenunge. (3) Daz dritte wort das Christus sprach an dem cruze daz waz (251») waz eyn (1. in) wörer trewe, her sprach zu seyner Üben muter: ,weip, sieh deynen son'. Eyne glöse spricht, her meynte: ,weip, sich wi ich hange vnd wi ich leide smerzen vor den sunderen'. Das du nicht alzu torsticlichen vn zu brebellichen in weidest behalten, auch meynte mante her si des Zeichens des si begerten in der briitlvft, alz ap her weide sprechen: daz ich hie leide daz habe ich von dir aber daz ich wasser zu weyne machte in der brütlvft, daz habe ich von meynem vater. Man vröget wor vmme his Christus seyne Übe muter eyn wei]) vnd si dach (!) eyne reyne jvnkfrawe waz? Czvm ersten, man spricht; es enwere keyne erlicher name, waz vorsmeet vn vorbannen in der zeit. Di andern sprechen : es weren vil fremder Juden vmme daz erüze gewest, betten sy vnse vrowe erkannt, si hetten ir leyt getöu, dor vmme wolde her si nicht muter nennen, daz si si icht erkenten. Di dritten sprechen: hette her si muter geheisen, so hette her ir ire peyn genieret. Johannes spricht: ,sich deyne muter meyn jvnger.' Der bischof sante Olbrecht* der spricht: alzö Christus sprach an dem öbuntessen zu deme bröte daz ist meyn leichnam vnd es geschach, alzö wart Johannes eyn natürlicher son vnser frawen. Eyn ander meister spricht (den halde ich baz) .Johannes vii Lucas di in der gotes gnaden bliben mit disen worten zu gewunscheit 1,1. gewunschen) vnd gegeben sone vnser liber fraven wart. Do hilt si der junger vor .«eyne muter, daz ist, also frvntlichen vil gutlicHen alz y keyn mensche bewart vnd phlak seyner muter, alzö (251'') phlak Johannes vnser frawen bis an Iren den tot. (4) Daz vir de wort daz vnser hcrre an deme cruze sprach, daz ist zu vor- nenien daz botruppenysse vnd di bytterkeit des leidenes Christi. Matheus saget, daz Jhesus auf di nvnde stvnde ryf mit eyner grossen stymme: ,Meyn got Meyn got, wi höstu mich vorlassen!' sant Augustinus spricht, daz di beilege

' Unter diesem ,bis<'hof sante Olbrecht' ist zweifellos der von den Mystikern so hocli verehrte und vielfach angeführte Bischof Albertus Magnus zu verstehen.

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. 81

(Iroifoldikeit beweisto daz Christns wore nionsclieit an sieli p^enomen hatte vii wart eyn schutzoLretli gef<tösen zwisclieu di ohorsten crefto vnd di iiyder- steii , daz die g'otliche kegenwortikeit den gotlichen trost, der in den ober- sten ci'cfton waz, enmochte nicht körnen in die nydersten, wenne wer der gotliche trost dor yu Icomen, so were Cliristus vnleidenliclien worden, vnd aucli alle di marterer di dorcli Christo y marter geliden den gap her allen gotlichen trost, etlichen also vil daz si der marter wynyk gefnlten vnd dis wart (Christo enzogen noch den nyder.sten creften. Abellens (!) vii Arrons (!) di zwyne keczer di sprechen , daz man Christum sege leiden vnd lide in der worlieit nicht, vnd beweren daz Iiie mite, daz etliche merteror also vil frewde hatten, daz sy der peyn wynynk achten, vnd diz waz vil billecher Christo zu geben vii zu haben, daz dise zwyne gelästert vnd ir rede valseh waz vii auch ander leute, Dor vmnie sj^'ach Christus: ,vatpr, wi hast du mich vor- lössen', alz ap her suhle sjn-eclien: es geleit ny mensche also gar äne tröst noch so smelichen vnd auch so bitterlichen alz icli geliden vnd enwurt der mensche alzo touwer vnd also eyn gros (251'') dink, du enlissest mich nymmer alzö bitterlichen leiden. (5) Daz fünfte wort daz Christus spradi an deme crfize daz ist eyn wort rechter volkomenheit. Lucas spricht: ,Es ist volbröcht.' Das wort nam Arrens (!) der ketzer vnd wolde beweisen, daz Christus nicht erstanden were von deme tode. were her aber nicht erstanden , so were daz Wort wor gewest, daz hevte Augustinus .spricht, daz diser groslichen vnrecht saget, wenne Christus sprach dis wort noch volkomenheit seyner werk, wenne her gctet nykeyn werk so cleyne es were gröz gcnvk gewest aller menschen gesiechte zu selikeit, weide her is dor zu geordent haben, aucli wisset, alle di werk di got tvn wil in diser zeit, di sint in gote itzvnt gesehen, wenne nv got waz vii sterben wolde vii ersten wolde vnd her is wol mochte tvn an alle hyndernysse, dor um .sprach her: ,es ist alles volbröcht daz niyr nieyn vater gebot', Daz ist, ez waz in willen gesehen vii waz in seyner vornvnft bekant. vnd dor um schriben di propheten uon der marter vnsers lierren alz ap is itznnt gesehen were, vnd es sohle dacli (!) noch gesehen. Isaias sprach : .man hot in geslagen vninie vnser svnden vil her truk vnser vngerechtekeit auf seyuem halse', (tij Daz sechste wort daz vnser herre an deme crüze sprach daz meynt eyne rechte libe, di her zu vns hatte, do her sin-ach : ,mich dorstet'. Eyne glosa spricht daz Jhesuni leiplichcn dorste, wenne daz blut waz ym entgangen vnd lier liyiik in der svnnen. (2r>l''i Die andern sprechen, in dorste gei.stlichen noch allen .seien di her erlösen .sulde. Lucas spricht, si göben ym essik vn gallo gemyschet, lier daz vorsuchte enwolde her is nicht trynken. Die meister sprechen, daz her den essik vnd di galle trank Mir di scliolt daz Adam vii Eva den apel brach vii ässen in in dem paradiso. Di dritten sprechen, her trvnke si vor di svnde di der mensche tvt. Die virden sj)rechen, daz Christus vorwunt waz an alle seynen geliden, nvr di zvnge zunge waz noch ganz, dor um trank her den trank daz di zvnge auch vorseret worde. Man vroget, wer broditc den essik «lav vnd di galle? Dis beweiset, is waz eyne gemeyne gewonheit, wen man di leute uorterbete, so gap man in den essik, daz si dester e storlieii. (7| Daz sibeude wort daz Christus vnser herre sprach an deme crüze daz ist eyn wort rechter Sicherheit vnd Zuversicht zu gote. Mateus spricht: ,vatcr in deyne hende bcfele icli Sitzuugsber. d. phiL-liist. Cl. LXXVI. Bd. II. litt. 0

82 Haupt.

mcynen geist vn neyk daz liovpt vnd gap auf seynen geist'. etliche meister sjirochen : licr rif avs iiuturlicher craft di her noch belialden hatte in seynoni Icichnam. Di andern siircclion : licr rif aus geistlicher craft die seyne selige sele gap deme leichname. Di dritten sprechen: her rif aus gotlicher craft vnd beful alle die seien in di gewalt gotes di in cristeme (!i glouben sterben sulden. auch beweiste her vns weliclies di besten wort weren , wenne wir sterben suUen, so suUe wir si sprechen, .her neygete seyn hovpt', Daz nieynt das wir bekennen sullen daz her is dorch vnseren willen getäti hot vn ge- liden hot. (252*) wiltu mer lesen von der marter vnsers Iicrren, so suche in der predige an dem palnieutage. Nii merket di zeichen di gesehen sint Christus hynk an denie cruze. u. s. w.

Sieben Vollkommenheiten hat uns also Christus durch die sieben Worte am Kreuze g-elehrt und darum wird auch von Hermann auf dieses Buch der Marter verwiesen, denn unmittelbar hinter dieser Verweisung werden dann ,fimf stucke der volkommen^ aufg-ezählt, so dass man recht deutlich sieht, warum auf dieses Buch der Marter verwiesen ward.

Es ist deshalb nicht im geringsten zweifelhaft, dass unser Buch der Marter in der Vorlage des Hermannischen Schrei- bers enthalten war.

An zwei Stellen wird in diesem Buche der Marter auf

andere Predigten hingewiesen. Die erste findet sich (244^) am

Schlüsse des Einganges zum Buche der Marter und lautet:

,alz6 vnser herre seyn öbvntessen hatte mit seynen jvngern vnd in irc fusse twuk vnd in seynen leichnam gap vnd her si di süsse lere lärte di her ykeyn mensche gehlrte . . . das suche auf den grvnen donnerstak vj-ndestn is in disem buche.'

Auf 235"= 238<= ist nun allerdings eine Predigt zu lesen zu dem Evangelium vom grünen Donnerstage, ob dieselbe aber die vom Verfasser gemeinte sei, steht dahin.

Die zweite Berufung steht am Ende der Erläuterung über die sieben Worte oben abgedruckt, es soll die Predigt auf den Palmentag mehr gute Lehren über die Marter unseres Herren enthalten. Diese Predigt auf 224'' 228*^ enthält in ihrem ersten Theile die Erläuterung der , herlichen processio', nämlich des Umganges und der Weihe der Palmen, im zweiten Theile dann wird allei-dings das Leiden unseres Herrn betrachtet. Dieser Theil beginnt:

Nv merket von der ieidnnge vnsers herren ^22(5^) daz seyne marter gar scre besweret höt vn do von santo (1. saite) er vns in der hevtigen predige.

Beiträge znr Literatur der deatschen Mystiker. 83

Fünfzehn ,beswernngen' werden dargestellt nach einer Predigt des h. Bernhard von Clairvaux und endlich im dritten Theile der geistliche ISinn geoffenbart. Diese Predigt dürfte ein Stück der ursprünglichen Sammlung sein.

Zum Schlüsse will ich noch anführen, dass auch in dem Buche der Marter sich eine Stelle findet, die auf die genaue Kunde Wälschlands hinweist, welche dem Sammler des ur- sprünglichen Werkes in so reichem Mass inne gewohnt hat. Bei dem Begräbniss Christi, als er des neuen Grabes gedacht hat, bemerkt er für seine deutschen Leser:

(253'^) Es waz eyne gewonheit vnder den Juden, alzo noch ist in weli- pchem lande, daz eyn reicher man der lis seyn grap berichten bey seyine lebenden leibe u. s. w.

5.

Als Ergebnisse stellen sich somit heraus die folgenden Sätze :

1. Um das Jahr 1340 war eine grosse, das ganze Kirchen- jahr umfassende Sammlung von Erklärungen der Evangelien und Episteln veranstaltet worden von einem Laien, wie es scheint, der Süd-Europa, besonders aber Italien genau ge- kannt hat.

2. Diese Erklärungen waren wesentlich aus den Werken der deutschen Mystiker genommen und zu einem, obzwar ver- liüllten, dennoch deutlich erkennbaren Ziele überarbeitet. Dieses Ziel bestand in nichts Geringerem, als einen vollständigen Kampf gegen ,die Pfaffen^ einzuleiten und durchzuführen. Die praktischen und äusserst schneidigen Spitzen gegen die Geist- lichen und die Kii'che sind wohl alle erst vom Sammler in die theoretischen Sätze der Mystiker verwebt worden.

3. Von dieser Sammlung war bis jetzt nur die Auswahl bekannt, die Hermann von Fritzlar von 1343 an zusammen- schreiben Hess, und die bis jetzt als ein Hauptpfeiler für die Geschichte der deutschen Mystik gegolten und darum aucli einen breiten Raum in allen Literaturgeschichten eingenommen hat. Sie sinkt auf eine ziemlich zahme und magrere Chresto- mathie zusammen.

4. Die Hs. 2845 der k. k. Hofbibliothek ist auch nur eine Auswahl und nur aus dem Wintertheile, sie enthält aber nach dem Zeugniss der Hermannischen Hs. eine ganze

6*

84 Hanpt.

Reihe derjonig-en Stücke, d\v. in seiner Vorlage vorliamlen waren, er aber nicht aufgenommen hat.

5. Solche echte Stücke sind auch in der Königsberger ITs. 80() enthalten, und es ist sogar mr»glich, dass diese Hs. das ursprüngliche Werk vollständig,' nämlich das ganze Kirchen- jahr darbietet.

An die Forscher treten somit zwei Aufgaben heran, wenn man endlich dem vielfach ganz grundlosen Gerede über die deutschen Mystiker ein Ende machen will. Die eine Aufgabe bestellt darin, die ursprüngliche Sammlung in ihrer Ganzheit aufzufinden, wie dieselbe von dem mystischen Feinde der , Pfaffen^ war zu Stande gebracht worden, und die zweite schwierigere oder leichtere, je nachdem man es nimmt, ist dahin zu bestimmen, dass die einzelnen Stücke und Predigten in ihrer ursprünglichen Gestalt neben die überarbeiteten des Sammlers müssen gestellt werden.

Man darf nicht glauben, dass damit eine unmögliche Arbeit gefordert wird. Unsere Sammlung war weit verbreitet, nicht nur am Rhein, wohin Hermanns Hs. weist, oder im nord- östlichen Deutschland, wohin die Königsberger und auch die Wiener Hs. gehören, sondern auch im südöstlichen Deutschland.

Die k. k. Hof l)ibliothek verwahrt unter 3057 eine Pp. Hs. aus dem XV. Jahrhundert, die wieder das deutsche Plenarium enthält mit Predigten über die Evangelien und einige Episteln. Diese Handschrift umfasst das ganze Kirchenjahr und fällt für die Literatur der deutscheu Mystiker schwer in die Schale. Sie enthält das bisher verlorene Werk des weissen Bruders Friedrich über den Eingang des Evangeliums Johannis und eine Reihe von Predigten, die in der Hs, 2840 erscheinen. Diesem Plenarium und dem Bruder Friedrich soll der nächste dieser Beiträge gewidmet sein. Vorläufig bemerke ich nur, dass diese Hs. in der bairisch - österreichischen Mundart ge- schrieben ist und somit zu den so wenig zahlreichen Beweisen gehört, dass di(! d(!utsche Mystik auch hier zu Lande nicht unbekannt war.

' lluflfontlicli winl (lirs(> Um. luiM .lomand untorsnchon. Eiitliiilt dioselbe (lin Tirsj)riiiislicli(' Siinimliiug, so i.st für die Ooscliiclitc der dnuts(!lioii Mystik dds wiclitipfsto Work !Uif<^fi"niidou, in dorn sio dii- Wciidiiiig otogen dio gcistliclion und weltlichen Gewillten erhalten hat.

Beiträge zur Literatur der deutsclien Mystiker. öö

Ich gebe nun die Anftini;(! der sümmtliclien in der Hs. 2845 enthaltenen Stücke und füge gleich bei, welche sich in Hs. 3057 befindeil. Mit diesen Anfängen werden sich nicht nur einzelne Stücke, sondern vielleicht ganze Hss. auftiudeu lassen. Ich empfehle den Forschern besonders die deutsclieu hss. Plenarien in den xVugen zu behalten.

Anfänge der Predigten in Hs. 2845.'

1. DOM. I. ADV. Et cum appropinquasset Jerosolymis . .

Matth. XXI. 1.

Do Jhesus nekente ze Jerusalem vud quam zu Betphai etc. E wenn ich von den worten rede, so uem ich das wort das Sacharias spricht . . .

Ist oben S. GO ff. vollständig abgedruckt.

2. DOM. I. ADV.

Man beget houte den ersten suntak iu dem (27") ade- feut, wen ir sult wissen, dass alle wege vir suntage sint uor dem cristes tage, vud di bezeicheü . . .

Ist oben S. 62 ff. vollständig abgedruckt.

o. FElüA. IV. Patientesigiturestotefratresusqueadadveutum ...

Jac. V. 7.

Sente, Jacobus der leret vns, das wir gedoldik sullen sein zu diser lobelichen vud seligen zukunft vnsers herreu Christi, vnd meint das di zornygen . . .

2U'— 29".

Ist oben S. 05 fl'. vollständig abgedruckt.

' leli luibo in diesem Verzeichniss die kireli liehen Tage, auf welche die einzelnen Predigteu fallen, latc^inisch angegeben, erstens weil sie ge- läiitiger sind nnd zweitens weil in der Hs. die rotlien Uebersehriften tlieils unrichtig sind, theils, und das ist meist der Fall, ganz fehlen. Nach welchem Missale sich der Sammler gerichtet hat. möchte man gerne wissen. 80 wie die Predigteu in dieser Hs. vorliegen, lässt sich gar nichts bestimmen, da olfenliar zu den alten iu der Vorlage enthaltenen IJezeich- nungcn neue fremde gekiunmen siiul, wie aus den verwirrten und wider- sprechenden Angaben der Hs. einleuchtet.

86 Hanpt.

4. FEKIA VI. Fuit horao niissus a Deo, cui nomen erat

Joannes . . . Joh. I. ß,

Sant Johannes evangelista schreibet von Johannes bap- tista, wi der dynsthaftik waz in der wvstenvnge den Juden vn sprach zu den schain : ,ir natern g-eslechte ! vorchtet euch in dem propheten uor dem engestlichen richter'. Das meint, di do worheit lernen sulleu, di sullen nymandes schönen, wenne so si den menschen mit süssen Worten nicht gewynnen . . .

29'*-31\ Der Schluss ist oben S. 66 gedruckt.

5. DOM. II. ADV. Erunt signa in sole et luna . . .

Luc. XX. 25. Den andern suntak in dem adefent begeet man houte, vnd dor vmme so schreibet sant Lucas in dem heutigen ewan- gelio, das vnser herre Christus sprach zu seinen jungern von dem iungesten tage, wy das zeichen sulden gescheen an der sunnen und an dem monden. Hy von spricht di gelose (!), das bei der sunnen bedout sei pristerliche wirdekeit vn gewalt . . .

6. FERIA IV. Ecce! ego mitto angelum meum . . .

Malach. III. 1. Di lecze spricht ,Sich, ich sende raeynen engel , der sal den wek bereiten vor dir' (SS**). Dis wort mochte wol sprechen di beilege dreifaldekeit, di den engel zu unser frawen sante. Ouch spricht eyne ander glosa, Das wcre sant Johannes bap- tista. Di dritten sprechen in welicher sele got geborn sulle wer- den, dö sende io got vor seynen engel hyn . . .

33"— 34". Der Schluss ist oben S. 67 gedruckt.

7. FEIUA. IV. Amen dico vobis: Non surrexit inter natos . . .

Matth. XL 11. Johannes schreibet, das Christus sprach zu seinen lungern vnd zu den scharn der Jvden : ,Vuder den geborden der weibe so enist nicht grosserre auf gestanden wen Johannes baptista'. Daz sal man also vornemen. Ane unser herre Christus vnd Maria di mvter gotes so enwart sust ny heileger mensche goborn, wenne sant Johannes der taufer unsers herren . . .

34' 35". Der Schluss ist oben 8. ()7 ff. gedruckt.

Beiträge zur Literatur iler deutschen Mystikir. 87

8. DOM. ITT. ADV. Tu es qui venturus est an alium expec-

tamus? . . . Matth. XI. 3.

^Johannes lauk (1. lak) in den banden Herodes vnd sante zwyne seiner jungern zu Christo'. Nu merkt di gelosa. Johannes spricht also vil also eyn mensche in deme di gnade ist. Diser mensche hot sechsleie bant, weune her sich erheben wil zu anschawendem leben vnd di sal her entpynden , ap her zu desem anschawendem leben komen wil. (ias erste bant das ist ungebitikeit . . .

35"— 37\

9. FERIA. IV. Et erit in novissimis diebus praeparatus mens . . .

Isaias II. 2.

Isaias spricht in der lecce ,In den lezten tagen so sal bekärt werden der berk ader das hous des herren vnd sal enthoget werden über den hymmeP. Dis ist gesprachen (!) von der menscheit vnsers herren Jhesu Christi, di das ewege wort an sich genomen hot vnd hot si gesazt über alle köre der hymmele. Aber das her spricht ,di lezte zeit' do mit meynet her . . .

37*— 38^ Der Schluss ist oben S. HS gedruckt.

10. FP^RIA. VI. Gaudete et (38*^) laudate simul deserta Jeru-

salem . . . Isaias LH. 9.

Isaias spricht houte in diser leccen: ,Di wustenunge sal sich frewen'. hie mite meinet her menschliches gesiechte, wenue menschliche natüre di was so gar verwüstet vnd 1er worden der gotlichen gnaden , das der wtl fünf tousent iär gar cleyne in ir was, wenne si was zu mole ous den holden gotes komen. Der wüste wek meint die begerunge der alden veter . . .

38b_39^

11. FEUIA. VI. Exsurgens autem Maria in diebus Ulis . . .

Lucas I. 39.

,In den tagen stunt Maria auf vn gink hynwek in das gebirgc mit cilunge in di stat Juda.' Das meinet, do Maria das ewege wort enphynk vnd ir der engel sagete, das Elisabeth ire nyftele trüge eynen son, do gink si dar, das si ir helfen wolde'. ,als6 eilende' das meint, das si nicht gerne lauge an

88 Hai.pt.

der Strosse was. Ouch meint is das mau saelle sal sein zu guten werken . . . 39" -39".

12. DOM. IV. ADV. Et hoc est testimonium Joaunis quando

miserunt . . . Joh. I. 19.

Johannes spricht in dem ersten gesetze , das die Juden santen boten von Jerusalem zu Johannes prister vnd Lefiten, vmrae das si in frögeteu, ap her Christus were, vnd das geschach dor vmme, wen her von eynen edelern stamme noch werltlichen dyngen waz, wen Christus, wen her was von pristcrlichem gesleclite, aber Johannes wokle sich ous den eren zien, wen her woste wol . . .

39'»- 41^

13. DOM. IV. ADV. Gaudete in Domino semper, iterum dico

gaudete . . . Paul, ad Philip. IV. 4.

Sante Paulus spricht ,f'rewet euch in dem herren alle zeit vnd ensorget (41") nicht mir (1. mer), wen der herre ist noen, vnd alle ewer gedanken di sint ym bekant si sein geistlich ader fleischlich'. Nu merkt her spricht ,frewet euch^ Nu spricht sant Jeronimus, daz nymant mak von gote freude noch kunst genemen, her sei denne eyn fromer mensche, wenne wer nicht gewandelt hot . . .

41 •=-42".

14. DOM. IV. ADV. Gaudete in Domino semper etc. ut supra.

Sante Paulus spricht ,frevt euch alle wege in gote vnserm herren ! aber spreche ich, d^s ir euch frewet, wen . got ist euch noen'. Nu mochte man trogen, was ist dach frewen in gote? Di antwort spricht: vrevde in gote das ist eyn werk des bei- legen geistes. iSant Dyonysius spricht hi seche« stucke, mite di sele kumpt auf ire aller högestos . . .

42''-44^

15. IN VIGILIA NATIVITATIS. Propter Sion non tacebo et

propter Jerusalem . . . Isaias LXII. 1.

Isaias spricht ,vmme Sion wil ich nicht sweigen vnd

vmme Jerusalem wil ich nicht ruen'. Nu spricht Syon also

vil also eyn spigel ader eyne beschauvnge, vnd raeynt lovter-

keit des lebens vnd Jerusalem meint also vil also eyne stat

I

Beiträge ziu' Literatur der deutschen Mystiker. o9

ader eyn gesichte des frides, vnd meint das ewege leben, vnd dise zwey wil di sele beide dorch brechen . . .

«

44" 45". Herrn. 8. '21. Di pruph<jzie zu der ersten Messe.

16. IN VIGILIA NATIVITATIS. Cum esset despontata mater

eins Maria . . . Älatth. I. 18. ,Dö Maria Jhesu mvter was getrewet Joseph.' Nv spricht Maria also vil also eyn (?), vnd meint (vnd meinet) di sele, ili ir selber gewaldik ist. Nu spricht Joseph also vil also eyner, der du wechset vnd zv uympt, vnd hi bei mak man ncmeu eynes fromen menschen gemute, das do wachsende ist vnd bleibende vnd grünende ist . . .

45" 46''. Herrn. S. 28. Nu neme ich das ewangelium hüte.

17. FEST. NATIVITATIS. Cum esset desponsata etc. ut supra.

Nu sult ir merken dise lobeliche hochzeit, wenn man be- geet houte den beilegen xpc tac, vnd ist gar eyae reiche vnd lobeliche hochzeit, vnd dor vmme so mak eyn itzlicher prister wol drei messe lessen ader syngen , vnd ilaz ist dur vmme, daz kein dorf noch keine kyrche sal hvte nicht äne messe bleiben . . .

46"— 46".

18. FEST. NATIVITATIS. Factum est autem in diebus illis . . .

Luc. IL 1.

Nu merket das ewangelio zu der ersten messe. Eyn keiserlich gebot gynk ous von (46'*) dem keiser Augusto, das her bis beschreiben alles das volk das in der werlde were, wenne her wolde wissen , wy manech mensche in der werlde were vnd dor zu gebot her das itzlicher mensche einen plien- nynk ...

46"-49\

19. FEST. NATIVITATIS. Liber generationis Jesu Christi

tilii David . . . Matth. I. 1.

Nu sult ii merken, also ich vor habe gesprachen, so synget iiuin di ander messe halp bei der nacht vnd halp Ixi di'iu ta^^e. Nu ist hi bei der nacht bedeutet di verborgene gotheit di so

90 Haupt.

vinster ist vor allci- kvnst, daz di nymant dorch gründen noch dorch synnen niak. Aber der tak meint di mensclieit . . . 49a_50\ Herrn S. 29.

20. FEST. NATI VIT ATIS. In prineipio erat verbum . . .

Job. I. 1.

Di dritte messe di synget man an schönem tage, Das meint di offenbarunge der menscheit vnsers herren Jhesu Christi dy do offenbart wart aller werlde. Nu sult ir merken das ^wangelio, also is beschreibet sant Johannes in dem ersten gesetze, vnd spricht also ,In dem begynne was eyn wort . . /

50a_52'=. Herrn. S. 31.

21. FEST. S. STEPIIANI. Gloria et honore coronasti . . .

Ps. vin. ().

Man begeet honte sant Steffans tak also er gemartert wart, alleine her also an disem tage nicht gemartert sei, sunder is ist gesehen in dem herbeste, aber vmme etliche Sachen so sint dise tage geleget bei den cristtak, wenne xpc ist eyn houpt aller marter. so bot man dreierleie merterer . . .

52'— 53'\ Herm. S. 34.

22. FEST. S. STEPHANI. Ideo ecce, ego mitto ad vos pro-

phetas . . . Matth. XXIII. Jhesus sprach zu den scharn der Juden vnd zu den fursten der prister ,we euch , wenne ir gesteynet habet di propheten, vnd getottet habet di boten xpi ! Des mus über euch komen alle die räche des blutes, das y out" di erde gegossen wart von Abel dem gerechten bis ouf das blut Zacharian^ . . .

.03»— 54^ Herm. S. 35.

23. FEST. S. JOIIANNIS EVANGELISTAE. Conversus Petrus

vidit illum discipulum . . . Job. XXI. 20.

Es ist houte sant Johanes tak des ewangelisten, vnd das cwangelio nennet in den jungern den Jhesu lip hatte , vndc dise Übe di beweiste vnser herre xpc kegen ym an dreien dingen. Das erste an deme, wenne her ym vil heymelicher dink offen- barte, wenne das ist eyn rechtes zeichen eyner worhatten (54'') libo . . .

54"— 50*. Herm. S. 30.

Beiträge zur Literatur (1er deutschen Mystiker. 91

24. FEST. INNOCENTIVM. Qui oiun recessissent ecce! ungelus

domini . . . Matth. II. 13.

Man beget hovte der kyndelyn tak , also dy sougenden kynderlyn ir blut vergossen haben dorch der eren willen vnsers Herren xpo Jhesu, vii worden erslagen von dem konyge Herodes, vnd das ist nicht gescheen also honte an disem tage, wenne is ist dorch des willen gesatzt also honte zu be- geene . . .

ÖCa—öT". Herjn. S. 39.

25. FEST. CIRCVMCISIONIS. Et postquam consummati sunt

dies octo . . . Luc. II. 21. Nu spricht das ewangelio das Maria vnd Joseph dy wun- derten sieh von dem kyndc, wen her Symyun (1. Simeon) hette is gebenadit. Nu sult ir merken. Maria das spricht also vil also eyne di do erlouchtet ist^ vnd ouch spricht is also vil also eyn (58*) merstern, vnd ouch spiicht is also vil also eyn bitter mer . . . br-b9\

'26. FEST. CIRCVMCISIONIS. Et postquam consummati etc.

ut supra.

Man beget honte den beilegen obersten tak, an dem uuser herre xpc besnytten ward , vnd ist der achte tak noch dem cristes tage, wen unser herre hot an disem tage zu dem ersten mole sein blut vergossen dorch der menschen willen, vnd were genuk gewesen zu e;"losunge voi* aller werlde sunde . . .

5ge_60^ Herm. S. 45.

27. DOM. POST CIRCVMCISIONEM. Defuncto autem Herode, ecce angelus Domini . . . Matth. II. 19.

,D6 erschein der engel Josephe in Egipto vnd bis in zien wider heym in sein laut.' Das ewangelium list man an dem zwölften obunde. Nu sult ir merke, das bei Joseph ist vns auf genomen eyn mensche, der gerne heilik were, vnd den lieisset der engel das kynt ilochenen in Egiptum, wenne eyn itzliches volkomen werk ist eyn son des menschen . . .

61''-63^ 2H. FEST. EFIPHANIAE. Cum ergo natus esset Jesus in Betiilehem . . . Matth. IL 1.

Ir sult wisse, das man honte begeet den tak, also dy drei konyge suchten das kynt vnd fvnden is also houte. das

92 H ■' » p t-

niciuet dy drei crefte der sele, di sullen ouch das kynt suchen Zum ersten so sal in vornvnft suchen in rechter worhcit. Zum andern niöle so sal in wille suchen also also her eyn oberstes gut ist . . .

63^— 64^ Herrn. S. 47.

29. FEST. EPIPHANIAS. Cum erg-o natus esset Jesus in

Bethlehem . . . Matth. II. 1.

Das evvangelio spricht, do das kyndelyn Jhesus wart ge- l)urn in der Juden lande in der stat zu Betldehem, do quämen di drei konyge zu Jerusalem. Das meint, wen das ewige wort geborn wirt in deme wesen der sele , so keren alle di oussern crefte des menschen von oussern dyngen vnd haben vorbas nie keine behegelichkeit . . .

64*=— 67\ Herrn. S. 49.

30. DOM. I. EPIPHANIAS. Cum factus esset Jesus annorum

duodecim . . . Luc. II. 42.

Nu sult ir merken , daz ewangelio saget , wi das Maria vnd Joseph gyngen kegen Jerusalem , und das sult ir geist- lichen also vorsteen, das eyn itzlicher fromer mensche sal geen in dy ober stat, das ist in das hymelische Jerusalem mit leib vn mit sele, das heisset di stat des ewegen frides, di ist bei gote . . .

67"— 69^

31. FERIA. VI. Confitebor tibi domine qiioniam iratus es . . .

Isaias XII. 1.

Nu sult ir merken das di lecze sprich (!) ,heire, ich sal loben vnd eren dynen namen, wenne du wirkest wunderliche werk.' Di glosa di spricht, das dis meyne, das wir alle got loben sullen vnd sunderlichen vnime di wunderlichen hochzeiteu, di do gesatzt sint yn dem hir vhd di in vns wirken grosse ynnekeit . . .

ß9d_72e. Herrn. S. 52.

32. DOM. 11. KririlANlAE. Nuptiae factae sunt in Chana

(lalileae . . . Job. 11. 1. ,Ks was eync liAchzeit zu Cana (jralilee.' hy von sprechen etliche lörer das, .Maria Magdalena di sei di brout gewesen vnd sant Johannes der brovtegam, vnd dis bewcreu si hi mite.

Beiträge zur Literatur der deutscken Mystiker. 93

das vnsei- frawe do was vnd das sant Johannes was irre swester son, wen sie were sust nicht zu der hochzeit komen. Aber ander lerer sprechen . . .

72-=— 74^

oo. FERIA. VI. Ecce ! nomen domini venit de longinquo . . .

Isaias XXX. 27.

jSich, der name vnsers herren der kiimpt von verren vnd seyne kegenwortikeit di ist eyne freude.' Dise wort sint ge- Sprachen von eynem rechten vreien gemiite^ das beitetende (!) ist eynes grossen gutes , das ist des ewegen wertes. Nu sult ii- merken das vier dink sint, dy do machen eyn frei gemvtte . . .

74'>_77a.

.'54. DOM. III. EPIPHANIAE. Cum autem descendisset Jesus de monte . . . Math. VIII. 1. ,Do Jhesus nyder gink von dem berge.' Nu. sult ir merken, das der berk meint das ewege leben, wene auf denie berge entspryngen di süssen worzen, das meinet di üben beilegen vnd auf dem berge ist auch di sunne, das meint das gotliche antlitze. also spricht sant Johannes : üi stat di endarf keines lichtes nicht ...

77"— 78*.

35. ?

Nu sullet ir mit ernste vnd' mit fleisse merken drei vrogen von der ewegen gebort. Di erste vroge ist, ap kein mensche sych so ordenlich eu bereiten möge, das der vater seyn eweges wort yn ym geberen möge. Nu merket, ir sullet wissen, das man twyngende not nicht in gote mak gesetzen, wenne so wir alles das getuen . . .

78<i_3Qa^

3G. DOM. III. EPIPHANIAE. Non alta sapientes sed humi- libus . . . Paul, ad Rom. XII. ]•).

Ir sult wissen, das di getrewe lere vnd di gesunde itzunt wynynk ist, wenne di lerer sint sich das meiste teil. Nu sult ir merken, das di natürlichen meister sprechen, das grosser sichtum kome von vberflossikeit der speise vnd des trankes,

94 Hanpt.

vnd hir mite ist gemeinet, das alle di lerer, di allen iren fleis vnd alle Ire arbeit , . .

80"— 81".

37. DO]\I. IV. EPIPH. Et ascendente eo (Jesu) in naviculam

secuti sunt . . . Matth. VIII. 23.

Das ^wang-elio von dem liütigen tage das saget vns , das vnser herre Jhesus xpc der steik in eyn scliifFelyn, das meynet eyne kleyne achtunge seynes selber. Das schiff ist vorne spitz vnd meynet eyne scharfe und vorsichtige vornunft, vnd ouch ist is hyndene spitz vnd das meynet betrubetes vnd bitters leiden . . .

SV—83\ Hs. 3057, 109"- 109''.

38. DOM. V. EPIPH. In illo tempore respondens Jesus dixit . . .

Matth. XI. 25.

Der ewangelista saget, wye unser hei're sprach ,Ich danke dir herrc vn Vater des hymeles vnd der erdenk Das danken sal man also vornemen , das vnser herre xpc der lis uns dein (!) obersten creften des aller obersten gutes vnd des gütlichen gutes das dor ynno was, von wart eyne freude in der natüren. aber sant Lucas spricht . . .

83''— 84^ Hs. 3057, 110"— IIP.

39. ?

Nil sult ir merken, aller reichtum der were eyn grosser vnd gerichter wek zu gote, wenne man sein rechte gebrouchte. aber leider ist vil der menschen, di in machen zu eynem grossen hyndernysse, vnd dis kumpt alles zu von disen saclien, di hir noch volgen. Di erste sache ist, das si ire herzen zu sere mite bekümmern . . .

84-^—86".

40. DOM. VI. EPIPHANIAE. Ecce, exiit, qui seminat, Semi-

nare . . . Matth. XIII. 3.

Das ewangeliö spricht, das das hymelreiclie ist gleiche eynem manne, der weise seete in seynen acker. Di togvnt [?) spricht, das diser man bedovtet vnsern herren got, der alle dink geschuf und gut gemacht höt, vnd her si geschuf^ sach her si au vnd sprach, das sie gut weren. Eyne ander glöse spricht . . .

86»— 87'.

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. 95

41. DOM. VI. P]PIPITANIAE. Exivi a ratre et veni in muii-

clum . . . Joh. XVI. 28.

Nu sult ir mit fleisse merken , Wenne her spriclit Jcli bin g-egangen ous dem munde des aller obersten^ Dise wort di bot gesprochen das ewege wort, das do ous gegangen ist aus dem veterlichen herzen^ vnd bot an sich genomen di menscldiche nätüre in dem reyneu leibe Marien vuser frawen vnd von diser liplichen gebort . . .

87"^— 89\

42. DOM. VI. EPIPIIANIAE. Sic currite ut comprehendatis . . .

Paul. I. ad Cor. IX. 24.

Eyne glosse spricht, das alle togvnde loufen, aber mynne di begreiffet alleine das zil. ouch spricht eyne andere glösa, das alle crefte der sele louffen, aber vornunft begreiffet alleyne das Zeil (!). Nu spricht Dyonysius, das der louf der sele sei anders nicht wene eyn abescheiden von allen vorgenklichen dyngen . . .

89"— 90'\ Ein Stück daraus ist oben S. 73 ff. gedruckt.

43. SEPTVAGESIMA. Simile est regnura coelorum homini . . .

Matth. XX. 1.

Nu sullet ir merken daz , das dis houtige ewangelio spricht, das das hymelreiche sei gleiche eynem manne, der do fru ous geet ader gink und mitte werkleute in seynen Wein- garten. Das meynet das vnser herre got von grösser macht so machte her Adame vnd P]fan, vnd macht si in grösser libe vn machte si enphenklichen . . .

90i_94\ Hs. 3057, 111«=— 113^

44. SEXAGESIMA. Libenter enim suffertis insipientes . . ,

Paul. E. II. ad Cor. XL 19.

,Bruder ir leidet gerne di tören.' Di- glösa spricht ,Man sal eynem tören gerne vil vorsweigen'. hir von spricht her Sälomön ,Der wart ny volkomen, der cynen vnvolkomen nicht geleidon mak'. Zu dem andern möle spricht her ,ir leidet ouch gerne, ap man euch nicht nympt, Daz meynet das eyn volkomen mensche sich nicht betrüben sal . . .

94"— 96". Hs. 3057, 114"— 115=.

96 Haupt.

45. SEXAGPjSIMA. Exiit qui seminat Seminare . . .

Lucas VIII. 5.

Das ewangelio, daz man honte list, daz schreibet sant Lucas vnd saget vns, daz wir sullcn merken, wi vnser herre sprach von ym selber ,Her ist ous gegangen'. Das meynet den ousgank des sones von dem vater vornunfticlichen, also eyn wort vnd nätürliclien also eyn son. Text. ,der du geseet hot seynen somen' Das meynet . . .

9G"_98^

4G. QVINQVAGESIMA. 8i Unguis hominum loquar et ange- loruni. . . I. Paul, ad Cor. XIII. 1.

.Bruder , ap ich spreclx; mit den zungen der menschen und der engele ^ hab ich der libe nicht, so byn ich worden also eyn loutendes erz vnd also eyn loutende glocke . / Sent Panel straffet hi etliche leute, di mit grösen werten vmme gen vnd mit grosen kunsten vnd nicht togvntliche werk üben wellen, das meynt . . .

98^—99'=.

47. QVINQVAGESIMA. Assumpsit Jesus duodecim discipulos . . .

Lucas XVIII. 31.

Also heute list man in dem ewangelio , das unsir herre saite seynen lungern uon seyner marter. Nvi mochte man frögen : iiv sint dach nv tage , das mau sich frewen sal vnd wor vmme list man denne nv von der martir vnsirs herren? Nu merket. Daz ist dor vmme. Es sint nv dy tage des schaden . . .

99"— lOf)". IIs. 3057, 120'^— 123-'.

48. DIES CINERVM. Cum autem jejunatis nolite fieri . . .

Matth. VI. IG.

Wor vmme man asche out" das houpt nympt, di sache leit ous sant Bernhart in eyner predige vnd spiicht ,lyben bruder, is ist nv mogelichen an disem tage das wir nemen di asche Mui' unsir houpt, wen is ist nv di zeit, das nuxn sal treten zu der busse vnd /.u reve (!) vii dor zu gehöret . . .

1U(V-1U9".

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. 97

49. FERIA. V. In diebus illis aegrotavit Ezechias . . .

Isaias. XXXVIII, 1.

Man sal heute sag-en von dem gebete, dor vmme saget di lecze do von. ml merket. Ezechias sprach zu unsir herren ^lierre, gedenk dor an, wi ich gewandert habe in deynen wegen^ Nv ist eyne froge, sint dem mole, das Ezechias stete gewest ist in dem wege gotes, wor vmme was denne got . . .

110^— llO^

50. FERIA. V. Cum autem introisset Caphernaum accedit ad eum

Centurio . . . Matth. VIII. 5.

Das ewangelio schreibet Matheus vn spricht also ,D6 Jhesus gynk von dem berge vn quam zu Capharnavm, gynk zu ym eyn ritter, der was hundirt ritter herre'. das legen di lerer also ous. der keiser hatte in dem lande in gesatzt zu eynem houptmanne vber di hundirt ritter . . .

110<=— 112\

.01. FERIA. VI. Audistis, quia dictum est: Diliges proximum

tuum . . . Matth. V. 43.

Also wir heute an der mettewachen lesen, wy man vasten sal, vn (an) dem donnerstage lesen , wy man beten sal , heute lese wir von dem almvsen, morne lese wir uon der busse, an dem sontage von der bekorvnge, an deme montage von dem lone, das vnsir herre sal sprechen, kompt ir gebenedeyten . . .

113"— 114«=.

52. DOM. I. QUADRAG. Tunc Jesus ductus est in desertum . . .

Matth. IV. 1.

, Jhesus ist gefurt in di wustenvnge von dem geiste.' In dem ewangelio synt vns drey dynk zu merken. Zvm ersten das der herre wart gefurt in di wustenvnge von dem geiste, vom dem hi wirt gesprochen ,Jesus ist gefurt'. Zvm andirn mole das yn der teufel bekorto in dreyen dingen vnd her ant- worte ym stetiklich . . .

116"-117^

53. DOM. I. QVADRAG. Adjuvantes autem exhortamur ne

in vacuum . . . Paul, ad Cor. II. c. VI. 1. Sant Paulus spi-icht in der epistel ,bruder, wir manen euch, das ir gotes genäden icht eitelichen enphäet, wen her

Sitzungsber. d. phil.-hist. Ol. LXXVI. Bd. H. Hit. 7

96 Haupt.

sprach : zu der genemen zeit habe ich dich erhört', wenne aber dy geneme zeit sey , mm redet der lerer vn der heilige böbist Leo vnd spricht , wenne mak seyn eyne bequemer vnd heilsamer zeit . . .

117d_ii8'. Hs. 3057, 124' -125*.

54. DOM. I. QUADRAG. Tunc Jesus ductus est in desertum . . .

Matth. IV. 1. Vnde spricht Jhesus wart gefurt in dy wustenvnge adir Lucas spricht ,her wart gesant in dy wüste', dor vf reden di lerer mancherley, wen sy sprechen ,wer gesaut wirt, das ist alnöen also ap is eyn gebot sey vn dor ous zien di lerer, das der almechtige got vater gesant habe seyuen eyngebornen

son . . .

118'^— 123^ Hs. 3057, 125''— 128\

55. FERIA. IV. Et accesserunt ad eum Pharisaei et Saddu-

caei . . . Matth. XVI. 1.

Man list heute eyne grosse disputatio, dy unsir herre hatte mit den Juden, wen dy Schreiber vn dy gleissenere gyngen zu ym vn sprechen ,meister, wir wellen eyn zeichen haben von deme hymele'. das bedeudet (!) di grosse frebel- keit di sy hatten. , wellen' das bedeudet dy grossen eygen- willikeit. ,Ein zeichen' das bedeut . . .

126'=— 128".

5G. FERIA. VI. Et post dies sex assumit Jesus Petrum . . .

Matth. XVIL 1.

Man list in dem ewangelio, das unsir herre Jhesus xpc auf den berk gynk vnd vorwandelte sich vnd weiste seyne ere vnd seyne Schönheit, her gynk auch her nyder , das meynt alle dy werk, dy vnsir herre Jhesus xpc geworcht hot, dy synt vns eyne lere, das her auf den berk gynk, do mite hot er vns beweist . . .

132"— 137^

57. DO.AI. 11. QVADKAG. [REMINISCERE]. Egressus Jesus

secessit in partes . . . Matth. XV.

, Jhesus gynk ous in di gegenot Tyre und kSydonys'. In

disem kegenwortigen ewangelio synt uns drei dynk zu merken.

Zv dem ersten mole, das der herre gynk ous in di gegenot tire etc.

Pieiträgf zur Literatur der deutschen Mystiker. 99

von deme liy wirt g^esprachen , Jesus gynk ous etc. Zum andirn iiiole , das eyn heydenysch weip bat vmme dy gesvntheit irre tochter . . .

ISS''— 145^ Hs. 3057, 128'— 129".

58. FERIA. IV. Et ascendens Jesus Jerosolymam assumpsit

duodecim . . . Matth. XX. 17.

Vnsir herre nam seyn lungern heymelichen vnd sprach zu yn ,Seet, wir geen auf ken Jerusalem, das alles das volbrocht werde , das von des menschen sone geschriben ist etc.^ Dor vmme sagete her in das heymelich vnd nicht der menege, das seyn tot nicht gehyndert worde. das ander ist, vnde hette her is der menege gesaget . . .

147'*— 149^

59. FERIA. IV. Simile est regnum coelorum homini patri

familias , . . Matth. XXI. 1.

Man lyst hovte, das vnsir herre hatte eyne rede mit seynen iungern vnd mit den Juden vnd sagete in eyn gleich- nysse vnd sprach ,Es was eyn houswirt vnd eyn vater des ( ? ) der pflentzte eynen weyngarten' das meynt den ewegen got, der do gemacht höt alle dyse werlt. Eyn andir glosa spricht der weyngarte were dy Judischeit . . .

15^—153".

00. FERIA. VI. Homo quidam habuit duos iilios . . .

Luc. XV. 11.

E wen ich von den woi'ten rede so nem ich eyn wort ous dem ewangeliö also der son sprach , vater, ich habe ge- svndet in dem hymel vnd vor dir', vber das wort spricht eyn lerer Wernyrus ,0 dv selige und heilige togent dy do heiset demutekeit, wen du bist eyne wedirbrengerynne alle der ge- brechen, dy do versäumet worden in andirn togenden , . .'

155''— 150^ Mitte und Ende fehlt in 2845.

01. DOM. IIL QV ADRAG. [OCVLI]. Et erat eiciens de-

monium et illud . . . Luc. XI, 14.

E wen ich kome zu den Worten dez ewangelii, so merket

also ir vor gehört habit, wy vns der tufel stricke legit vnd vus

ane lichtet gar in manchir ley wyse, vnd wy wir vns mit

gotes hultfc wider in setzen sulleu vnd wy wir in wol in der

100 Haupt.

craft gotlicher hulffe widersten mog-en. vnd ouch habit ir ge- hört . . .

157c_iG4". Hs. 3057., 134"— 140^

G2. FERIA. IV. Tunc accesserunt ad eum ab Jerosolyniis scribae . . . Matth. XV. 1.

Dy glizsener vnd dy schriber daz sint dy gelärten pfaffen vnd kundegen, dy andir leute lernen solden. abir dy glizsener dy woren dy do sundirlichen scheyn trugen vnd wolden bezsir seyn, wenne andir leute. dy dritten woren dy Saducey, dy hatten etwas vno-elouben an vn. Dise suchten vnsirn herren vmme daz sy in begriffen . . .

166''— 167^

63. FERIA. VI, Venit ergo in civitatem Samariae, quae dicitur

Sichar . . . Johannes IV. 5.

Jhesus gink in Samariam vor dy stat, dy do heiset Sieztor, do lak eyn vorewerk Jacobiz. do stunt ein burnne, den her hatte gegeben seynen sone Joseph vli Jhesus saz auf dem brunne. Nv ist eyne froge, wenne Johannes sagte houte, daz Jhesus waz mvde von dem wege vnd iz waz dy sechste stunde dez tagiz ...

169"- 172\

64. FERIA. VI. Jesus autem perrexit in niontem Oliveti . . .

Joh. VIII. 1.

Jhesus gink an den oleberg. Nv merket wor vmmc Jhesus gink an den olenberk, wenne her hatte vor gepredeget vnd dy Juden vnd dy fursten der prister santen zu ym ire dyner, daz sy in vingen vnd in gefangen brechte vor sy, vnd dy dynern horten seyne lipliche wort, do mochten sy in nicht be- trupen vnd der herre ...

173e_i7gb_

65. DOM. IV. QVADRAü. [LAETAUE]. Post haec abiit

Jesus trans mare Galileae . . . Juh. VI. 1.

E wen ich kome zu den werten, so merket: also wir do

hci- haben vornomen vnd gehört gar ströfliche rede, nv ist ouch

not daz wir hdren etwaz trostlicher wort, der wir vns mögen

trösten vnd dor vmme singet man hüte in allem gesange gar

Beiträge zur Literatur der deutschen Mystiker. 101

froliche gesenge vnd sundirliche in dem anefange der messe, den Ysaias schribet . . .

179-_185\ Hs. 3057, 140=-14ß^

Gß, FERIA. IV. Et praeteriens Jesus vidit hominem caecum . . .

Joh. IX. 1.

Nu merket. Jhesus gink vor, daz meynet Cristus hatte eynen grozsen erik myt den Juden wenne sy wolden in gesteynet haben, also man an dem nesten svntage lesen wirt, vnd Jhesus entwich in ous dem tempel vnd gynk vor seynen iungirn. Text, vnd sach eyn blyntgeborn menschen. Der Guldynne mvnt spricht ,her sach in an myt den ougen seyner barm- herczkeit . . .

188"— 192<=.

67. FERIA. VI. Erat autem quidam languens Lazarus a Bethania . . .

Joh. XI. 1.

Augustinus sprichet ,0 herre, gip daz wir heutte daz volk dirwecken, also daz wir myt in dirsteen von dem tode vnd also grosse furchte gewynnen vor dem geistlichen tode mer denne vor dem leiplichen, vnd euch serer vnd mer sten vud begern dez ewigen lebens, wenne hy dis vorgenklichen lebens'. vnd daz ist leyder in weynynk menschen . . .

GS. DOM. V. QVADRAG. [JVDICA]. Quis ex vobis arguet nie de peccato , . . Joh. VIII. 46.

E wen ich kome zu den worten des evangelis, so sult ir wissen das man hevte anhebit zu begen dez (!) gedechtnusse der marter vnsirs herren, vnd wy wol daz mogelich ist, daz eyn itzl icher fromer cristenlicher mensche daz leyden vnsirs herren stete in seynem gedechtnusse haben sal^ doch so ist das billich, daz man daz nv , . .

20P— 206*. Hs. 3057, 147»— 15P.

69. FERIA. IV. Facta sunt autem encaenia in Jerosolymis . . .

Joh. X. 22.

E wenne ich komme zu den worten des ewangeliis, so

neme ich eyn wort, daz spricht sante Augustinus, vnd das laut

alzo ,wir sullen die wort des erwirdigen sante Johannes des

ewangelisten nicht alleyne nemen also dy myllich zu der jvch^

102 Haupt.

alzo das herte strenge brot vnd ander grobe speise', her wirt alzo sprechen . . . 207^—210".

70. FERIA. IV. Collegcrunt ergo pontifices et pharisaei . . .

Job. XI. 47.

Johannes beschreibet, das di Juden hatten ejuen rot wider Jhesum vnd sprochen . was tv wir? diser mensche tvt vil zeichen, dis waz dor vmme. do vnser herre Lazarum hatte lassen ersteen von dem tode, vnd den blynt gebornen hatte geseende gemacht, do volgete das volk vnserni hcrren sere noch. Dis hasten dy prister . . .

211''— 213'\

71. IN VIGILIA PALM AR VM. Haec locutus est Jesus . . .

Job. XVII. 1.

Jhesus hup auf seyne avgen etc. Nv merket von wannen dise wort komen. Der herre hatte den jvngern vor gesaget, wi er vil smocheit vn marter sulde leiden vnd sulde in be- nomen werden, vn wi er von in scheiden worde vnd man sie auch sere echten vn peynegen Avorde, vnd sagete in sulicher Sachen vil, dy sy noch ervolgen worden . . .

214''— 220^

72. DOM. TALMARVM. Et cum appropinquasset Jeroso-

lymis . . . Matth. XXI. 1.

El wenne ich komo zu den werten des cwangeliis, so nemo ich eyn wort, das spricht sante Bernhart ,Es ist nicht äne Sache, das di selyge braut des herren also hevtc bot zu- samene